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Rundfunk-Reparaturgerät
#1
Neulich bei Jupp fiel mir in seinem Außenlager in einem Gerätestapel ein schwarzes Köfferchen in's Auge.

   

Flugs "ausgegraben", aufgeklappt und "Ohhhhhhh wie schön!".
Nett wie Jupp so ist, musste ich nicht lange bitten und konnte den Koffer, zusammen mit zwei kleinen Radios, für kleines Geld mitnehmen.

Eine schnelle Recherche im .ORG nach dem Hersteller hat mich dann zu allen benötigten Informationen zu dem Gerät geführt. Es handelt sich um das Rundfunk-Reparaturgerät von Thorwarth & Hielscher aus dem Jahr 1935.
Nach erster großer Freude kam gleich die Ernüchterung: Der Name ist irreführend, das Gerät kann nicht den Rundfunk reparieren. Auch die zarte Hoffnung, daß es dann vielleicht wenigstens selbständig Radios reparieren könnte, hat Jupp mir schnell genommen. Wink

Aber nachdem ich die Funktion wieder hergestellt habe, kann es sehr wohl bei der Reparatur helfen und das sogar recht vielseitig! Eingebaut sind ein umschaltbares Ohm-/Voltmeter, ein Wattmeter, ein "Schauzeichen", das dem groben Kondensator- bzw. allgemeinen Durchgangstest dient und ein Bienenkorb, der auch kleine Leckströme noch sichtbar macht - als Isolations- und Kondensatortester. Kondensatoren werden wahlweise mit 20 oder 500V geprüft, wobei ich auf den 500V Klemmen nur 140V gefunden habe, da ist evtl etwas noch nicht in Ordnung oder der Trafo wurde mal getauscht. Außerdem befinden sich im Gerät noch vier Lastwiderstände und zwei Kondensatoren, die per Klemmen und Umschalter von außen "zugänglich" sind und dazu dienen, vermutet defekte im Radio zu überbrücken - nicht unpfiffig. Während der gesamten Überprüfung/Reparatur bleibt das Radio über das Reparaturgerät an den Strom angeschlossen. Dadurch ist erstens eine Netztrennung gewährt und zweitens zeigt ständig das "Wattmeter" die Leistungsaufnahme an.
Falls am Reparaturplatz nur eine Steckdose zur Verfügung stehen sollte, bietet das Gerät auch noch einen 220V Ausgang, wo beispielsweise ein Lötkolben angeschlossen werden kann. Ziemlich durchdacht das ganze, vielleicht ein erster "Servicekoffer" für den Techniker im Außeneinsatz? Zu diesem Zweck leistete es als "Universalgerät" sicher gute Dienste. Die "Kurzanleitung" befindet sich innen im Deckel des Geräts.

   

Der Aufbau des Geräts ist sehr "spannend": Alles ist auf ein Sperrholzbrettchen aufgebaut, mit Frontplatte aus ?Bakelit?. Auf das Brettchen wurde alles festgeschraubt, Trafo, Kondensatoren, Gleichrichter, Lampenfassung für den Bienenkorb. Die Frontplatte "hängt" daran, gehalten einzig durch die Verbindungsdrähte zu den Buchsen/Anzeigen. Auf der Grundplatte sind Lötösen festgeschraubt, über die die komplette Verkabelung erfolgt. Sieht alles sehr rustikal aus und noch gar nicht nach industrieller Fertigung.
Front- mit Grundplatte lassen sich nach dem Lösen von 8 Schrauben in Schubladen-Manier aus dem Gehäuse ziehen.

   

Genau passend zu diesem "rustikalen" Aufbau hat/haben mein(e) Vorgänger das Gerät schon "repariert": Der Sicherungshalter war innen gebrochen, das Problem wurde "gelöst" durch einen Draht, der mittels "Anknot-und Vertüdelungstechnik" (vom löten hielt der Kollege wenig) vom abgebrochenen Ende des Sicherungshalters zum Netzschalter ging. Aua.
Das war dann das erste, was ich wieder rückgängig gemacht habe.
Die fachmännische Zugentlastung *hust* habe ich mitsamt dem original (oder zumindest alt) aussehenden Netzkabel gelassen, das ebenfalls antike Kabel zur Lampenfassung habe ich getauscht, dessen Isolierung war nur noch Bröckchen und Brösel.

   

Als zweites habe ich die Gleichrichterröhre entfernt: Eine laut Funke noch gut brauchbare V430 (Pendant der RGN354) - die nehme ich doch lieber für einen VE! Für das Gerät habe ich nämlich noch eine "Spezialröhre" auf Lager: Eine G1064, bei der innen ein Anschluß abgebrochen ist, so daß nur noch ein System funktioniert. Die ist ja wie für diesen Zweck gemacht, hier habe ich viel weniger Angst als bei Einsatz im VE, daß der im Vergleich zur 354 höhere Heizstrom größere Schäden anrichten kann.
Das Entfernen des GL war übrigens auch noch spaßig, bedingt durch die eigenwillige Konstruktion der Röhrenfassung - im Bild gut zu sehen. Die "klebt" nämlich direkt auf der Sperrholzplatte, so daß die Stifte ÜBER der Fassung sitzen müssen, nach unten ist kein Platz. Die Anschlüsse sind direkt an der Fassung angelötet. Geschickterweise hat ein Spezialspezialist die Drähte offensichtlich angelötet, nachdem die Röhre schon gesteckt war - die war nämlich fein säuberlich mit festgelötet! Zum Glück ist mir das aufgefallen, bevor ich größere Gewalt angewendet habe und die Lötstelle war auch nur "an einem Bein", so habe ich die Röhre ohne größeren Kampf "auslöten" können.

   

Als letzte Kandidaten habe ich die Kondensatoren erneuert, auch wenn sie für den Betrieb des Geräts nicht benötigt werden - die alten waren natürlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Leider hatte ich in der Größe (2/4µF) nur Elkos, weswegen bei einem Einsatz jetzt auf richtige Polung geachtet werden muß. Deswegen habe ich die alten "Blechkisten" drin gelassen und die Elkos frei fliegend, äquivalent zu den Widerständen, eingelötet.  Hat jemand eine Idee, woher ich hinreichend spannungsfeste und bezahlbare Folienkondensatoren in dieser Größe bekommen kann?

   

Der anschließende Test des Gerätes hat gezeigt, daß die Umschaltung Spannungs- <--> Widerstandsmessung nicht funktioniert. Also den Schalter geöffnet, die versteinerten Kontakte blank gemacht und wieder eingebaut, jetzt klappt alles wie es soll. Ein sehr hübsches und praktisches Gerät für meine Meßgerätesammlung, das ich bestimmt hin und wieder auch zur Reparatur nutzen werde.
Vor allem die zugehörige Anleitung liefert einige pfiffige Ideen zur Fehlersuche, auf die man alleine kommen KANN, aber (als Ungelernter) nicht MUSS. Mir hat sie zumindest ein paar "hey, GAR NICHT blöd"-Gedanken beschert. Leider taugt sie nur bedingt als Reparaturanleitung für Anfänger - stellenweise ist sie "für Doofe" geschrieben, dann aber wieder so knapp bzw undeutlich, daß man schon wissen muss, was gemeint ist.
Gruß,
Uli
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#2
Du solltest öfter mal Berichte mit Gerätevorstellungen und Reparaturen schreiben Uli. Liest sich sehr kurzweilig und interessant!

Schöner Fund, dieses Gerätchen und wenn es dann sogar noch nutzbar ist, umso besser. Ich mag solche alten Geräte auch, schließlich gehören sie auch zur Geschichte unserer Radios.
~~~Es gibt nix Gutes, außer man tut es~~~
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#3
5 Sterne für den schönen Beitrag. Danke fürs zeigen Uli.
viele Grüße aus der Pfalz
Gery

Dieser Beitrag wurde aus 100% selbst erzeugten umweltfreundlichem Sonnenstrom geschrieben und kann Gefahrenlos recycelt werden Thumbs_up


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#4
Hallo Uli, hallo Forum.
 
Dass ich dieses Gerät in meinem Leben noch mal sehen kann lösst Freude bei mir aus.
Warum?
Ende 1947 begann ich bei RVF in Fürth eine Lehre als Rundfunkmechaniker, so hieß das damals.
Max Grundig kennt man ja nur als „Macher des RVF-Heinzelmann“
Weniger bekannt sind Röhrenprüfer „TUBATEST“  und Reparaturgerät „NOVATEST
Von dem es zwei Typen gibt.
Als Anfänger durfte ich am Heinzelmann, TUBATEST  L3  und dem NOVATEST Typ II arbeiten. Viele Jahre war das NOVATEST in Vaters Werkstatt der Mittelpunkt.
Wie ich nun als Zeitzeuge die Mannschaft kannte, hatte ich immer Zweifel ob die im der Anleitung angeführt den Begriffe „ DRGM“  und „DRP ang.“ wahr sind.
 
Hatte viel später eine „dünne Info“ dass es ein Modell Reparaturgerät schon vor 1946 gab.
Diverse Typen erfüllen in etwa das, was NOVATEST  macht.
Das Modell von Uli (JUPP) erfüllt das in hohem Masse bis perfekt.
So bin ich nach fast 70Jahren fündig geworden, ohne konsequent danach gesucht zu haben.

Gruss mike jordan
 
Anbei des Titelblatt und das Prinzip-Schaltbild. Darin findet man alles was Uli aufgelistet hat.
Es fehlt  nur die Netztrennung zum  Reparatur-Objekte Was ich aber bei Uli auch noch als offen erachte.
Gruss Mike        


   


   
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#5
Mann, es hat mir Spaß gemacht es zu lesen! Das Gerät ist interessant (1935), der Bericht ist sehr plausibel und Schön und der Beitrag von Mike fügt sich sehr gut ein.
Sehr schön und man lernt was dazu.
Gruß!
Ivan
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#6
Das Ding gefällt mir auch ausgesprochen gut! Smile

Richtig urig.
Beste Grüsse

Thorsten


"Das Leben ist nichts weiter als das Proben für eine Vorstellung, die niemals stattfindet."

(Die fabelhafte Welt der Amelie)
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#7
Da kommt mir Ulis spruch in den Sinn mit will ich auch haben....
Schönes Gerät mit viel Spassfaktor beim Reparieren, und unser Hans ist begeistert das er sowas nochmal sehen darf, was will Mann/Frau mehr..... Smiley14
Ich kannte sowas nicht, also Uli, vielen Dank für das Aufzeigen des sehr schönen Gerätes, und dem lieben Hans für diese schönen Erlebnisse, irgendwann werden diese Infos uns fehlen.
mit freundlichen grüßen aus Dielfen (Siegerland)
Dietmar
Wenn einer dem anderen hilft ohne daraus Profit schlagen zu wollen dann sind wir auf einem guten Weg
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#8
Uli.
zur Ergänzung zu Deinem guten Fang. Der Netztrafo des Gerätes, auch des von Hans vorgestellten "Novatest", ist nur für die Versorgung des Meßgerätes vorgesehen. Für die Mitversorgung des Prüflings ist der viel zu klein. Es dürfte sich höchstens um einen M74 handeln. Und der kann nur max. 35W liefern. Das bedeutet, dass das angeschlossene Radio an den "220V"- Buchsen nicht netzgetrennt ist! Steht ja auch dran "220V Netzspannung". Auch die Zusatz- Netzbuchsen sind nicht netzgetrennt. Das Radio wird lediglich über den Netzschalter des Meßgerätes und ggf. über das Wattmeter geschleift!

Hätte ich fast vergessen:
- Die Frontplatte ist aus althergebrachtem Pertinax, einem tollen Werkstoff für isolierende Frontplatten.
- Das Wattmeter ist eigentlich kein Wattmeter, sondern ein Amperemeter mit in Watt kalibrierter Skala. Das kann man so machen, wenn man wie hier veraussetzt, dass für eine korrekte Leistungsmessung die anliegende Netzspannung exakt 220V ist. Kann man das garantieren, dann braucht man eben nur den Strommeßpfad im Meßwerk. Echte analoge, "old style" Wattmeter sind auch heute noch sehr teuer und kompliziert aufgebaut, da sie eine Strom- und eine Spannungsspule im Meßwerk haben müssen. Man erkennt sie daran, dass sie nicht nur 2, sondern 3 oder 4 Anschlußklemmen haben.
Viele Grüße

Wolfram

"... Bei uns tut jeder, was er kann. Aber nicht jeder kann, was er tut. ..."
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#9
Hätte ich fast vergessen:
- Die Frontplatte ist aus althergebrachtem Pertinax, einem tollen Werkstoff für isolierende Frontplatten.

Ja Wolfram, schade das es diesen Werkstoff kaum mehr gibt. An pertinax habe ich die ersten Feilversuche in der Lehre machen müssen.
mit freundlichen grüßen aus Dielfen (Siegerland)
Dietmar
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#10
Hallo Dietmar,
Pertinax gibt es auch heute noch üppig. Zwar ist es meist schwarzes Pertinax, das an den noch älteren Frontplattenwerkstoff "Ebonit", also Hartgummi, erinnert, aber das originale, braune Pertinax wird auch öfter angeboten. Was scheinbar jetzt auch noch produziert wird, ist Hartgewebe (DDR- Bezeichnung - "Novotex"), das im Gegensatz zu Pertinax nicht mit Papier, sondern mit Baumwollgewebe als Füllstoff gebunden wird.
Ich arbeite immer noch gern mit diesen Materialien. O.K. ich gebe zu, ich habe auch noch ca. 2m² braunes NOS- Pertinax in 3mm Stärke gebunkert.


(14.02.2016, 20:24)Dietmar schrieb: Hätte ich fast vergessen:
- Die Frontplatte ist aus althergebrachtem Pertinax, einem tollen Werkstoff für isolierende Frontplatten.

Ja Wolfram, schade  das es diesen Werkstoff kaum mehr gibt. An pertinax habe ich die ersten Feilversuche in der Lehre machen müssen.
Viele Grüße

Wolfram

"... Bei uns tut jeder, was er kann. Aber nicht jeder kann, was er tut. ..."
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#11
Nice find, Uli.
Schöner Fund, Uli.
Gruß,
Stephan
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#12
Schöner Bericht Uli,

kannte das Gerät bis dato natürlich nicht, bin allerdings immer wieder fast gerührt, was vllt. schon längst vergessene Menschen für raffinierte vllt. längst vergessene Technik sich erdacht haben.

Danke für's zeigen,
lieben Gruß,
Markus
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