Radio-Bastler-Forum (RBF)

Normale Version: Röhrenverstärker "Zimmerofen"
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Hallo zusammen, 

ich muss mich auch mal wieder mit etwas melden. Mir ist am Wochenende ein Röhrenverstärker zugelaufen. Hübsch anzuschauen, sieht aus wie ein kleiner Ofen.

Ich lasse mal die Bilder sprechen:

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Die erste Bestandsaufnahme ergab: Rost, mindestens 1,5 Opel Corsa. Äußerlich keine Hinweise auf einen Hersteller, innen, wie sich herausstellen soll, auch nicht. Es gibt an der Vorderseite zwei Drehknöpfe "Aufnahme" und "Wiedergabe" sowie ein Drehspulinstrument mit linearer Skalenteilung bis 1 in Zehntelschritten. Hintendran gibt es vier Buchsen, Mikrofon, R + T (Radio und Tonabnehmer?), Lautsprecher und eine mystische sechspolige Buchse, die ich auch noch nicht gesehen habe. Interessant ist der dreieckige Führungsstift, welcher mit der Spitze nach Oben zeigt.

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Folglich habe ich mich im Inneren umgeschaut und bisschen Reverse-Engineering betrieben. Auffällig ist auch hier, dass sich keinerlei Typschild oder sonstige Hinweise auf einen Hersteller finden. Die Kondensatoren sind von Hydra, gestempelt mit 1938, die Widerstände von Dralowid. In der bemerkenswert massiven Abschirmkammer versteckt sich ein Eingangsübertrager für Mikrofoneingang der Firma Reisz. Die Röhrenbestückung, AZ11, EF12 und EL11 ist von Valvo. Auffällig ist die Verwendung von vielen Universalteilen, gerade bei den Übertragern - sowohl Eingangsübertrager für Aufnahme, als auch Ausgangsübertrager haben verschiedene Anzapfungen für verschiedene Endröhren. Alles unter einer dicken Dreckschicht versteckt, wobei am Chassis der Rost wesentlich gutmütiger war, als mit dem Gehäuse. Das auffällige Relais mit 3x UM Kontaktsatz liegt im Signalweg und das Drehspulmesswerk zeigt über einen Gleichrichter (Kupferoxydul?) einen Pegel an.

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Der Schaltplan war nach ein paar Stunden ermittelt, bitte schaut mal drüber, vielleicht versteckt sich hier und da noch eine Unschärfe - manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zusammengefasst verstehe ich die Funktion wiefolgt: Relais angezogen (wie im Schaltplan dargestellt) ist die Betriebsart "Aufnahme". Das Signal aus den Eingängen "Mikrofon"/"R+T" wird über das Poti "Aufnahme" auf das G1 der EF12 geleitet, in der EL11 endverstärkt, über den Ausgangsübertrager auf den kleinen Übertrager beim Messwerk gespeist, welches in diesem Fall den Pegel anzeigt, dieser Übertrager transformiert die Impedanz wieder hoch und gibt so ein hochohmigeres Signal auf den oberen, mittleren Kontakt der mystischen Buchse. 
Ist das Relais in Ruhestellung, befinden wir uns in der Betriebsart "Wiedergabe". Der Verstärker bekommt sein Eingangssignal über denselben mittleren Kontakt der Sechspolbuchse, verstärkt dieses und es liegt niederohmig an der Lautsprecherbuchse an. Pegelanzeige ist hierbei nicht in Verwendung.
Interessant ist die Mikrofonbuchse: Es handelt sich um eine Schaltbuchse. Ungesteckt wird die Mikrofonmasse mit der Schaltungsmasse verbunden. Mit gestecktem Mikrofon wird diese Verbindung aufgetrennt, was zur folge hat, dass über den Kapazitiven Spannungsteiler im Netzteil (2x 16uF und 1500uF) eine Potentialdifferenz entsteht, mit welchem das Mikrofon eine Phantomspeisung erhält. Die zu erwartende Spannung von wenigen Volt lässt auf ein Kohlemikrofon schließen.

Aus all diesem Informationskonglomerat schließe ich: Das Gerät, scheinbar professioneller Natur diente dazu, Sprache, Radiosendungen oder bereits vorhandene Tonaufnahmen auf ein mir unbekanntes Gerät zu überspielen, beziehungsweise von diesem wiederzugeben. Hier sind meine Tipps Drahtton oder frühes Tonband. Das angeschlossene Gerät steuerte hierbei die Umschaltung der Betriebsarten und Versorgte den Verstärker mit Spannung.

An der Sechspolbuchse (ich definiere jetzt den Pin oben Links als 1 und gehe dann im Uhrzeigersinn vor) liegen an:
1 - Mikrofonspannung
2 - Ein- und Ausgang
3 - Steuerkontakt für das Relais - wenn auf Masse gelegt, zieht Relais an
4 - Netz
5 - Masse
6 - Netz

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Nach einer kleinen Putzorgie sieht das Gehäuse wieder ganz ansehnlich aus. Was habe ich mit dem Gerät vor? Mit minimalem Aufwand an der Originalsubstanz das ganze wieder Spielfähig machen. Also bleiben der schöne originale Kräusellack und die Rostnarben dort, wo sie sind :-)

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Nun aber nochmal zu den Kernfragen:
  • Hat jemand dieses Gerät schon mal gesehen?
  • Wer hat es hergestellt?
  • Welches Gerät gehört obendrauf?
  • Was ist das für eine Sechspolbuchse und hat jemand dafür einen Stecker?
Gute Entscheidung die Patina zu belassen! Viel Erfolg bei der Instandsetzung.
MIRAG schrieb:..Hier sind meine Tipps Drahtton oder frühes Tonband..

evtl. auch Plattenschneidemaschine?
Hallo Jupp,

kam mir auch in den Sinn - vielleicht gibt es ja Wissende unter uns.
interessantes Gerät. Wozu dient das Relais?
Hallo Ivan,
damit werden die Eingänge geschaltet. 
LG aus Schwerin, Holger

Beitrag wurde von mir berichtigt.
Hallo, Holger,
und Danke. Ich hatte mich eigentlich falsch ausgedrückt. Nicht die Funktion, wie das funktioniert. Ich meine, bei einem “normalen“ Gerät wird manuell zwischen die Funktionen geschaltet. Hier ist es mir Relais - das kann etwas über den Zweck des Geräts erraten. Wahrscheinlich diente die ominöse Buchse auch wie eine Art Fernbedienungsanschluss. Ich drücke mir heute die Schaltung aus.
Interessantes Gerät.
Was für ein uriges Teil! Der Vergleich mit einem Zimmerofen ist gar nicht so weit hergeholt, so rein optisch erinnert das Gehäuse schon daran. Gleichzeitig erinnert es mich aber auch an die großen Messgeräte in Laboren und großen Fachwerkstätten. Vielleicht waren original sogar noch Rollen unter den Stellfüßen?
Ja, vielleicht tatsächlich Bestandteil eines Aufnahmestudios für Schellackplatten oder in der Art. Über die Herkunft kannst Du vermutlich nichts sagen? Könnte evtl. auch Teil der Bühnentechnik in einem Theater gewesen sein.

Vielleicht hat tatsächlich mal ein Plattenspieler oben drauf gestanden.

Dieser Schneidverstärker der Fa. Maihak (leider ohne Bild) hat schon einmal die gleiche Röhrenbestückung:

https://www.radiomuseum.org/r/maihak_sch...r_v43.html
Es gibt Neuigkeiten, der Verstärker spielt!

[attachment=133042][attachment=133043][attachment=133041]

Ganz große Überraschungen gabs eigentlich keine. Von den alten Nasselkos war noch einer in Ordnung, habe sie jedoch alle gegen Becherelkos von RFT mit guten Werten getauscht. Eine Netzdrossel ist leider defekt gewesen, aber ich hatte eine sehr ähnliche im Bestand. Leider 350 statt 500 Ohm DC-Widerstand, sodass die Spannungen jetzt bisschen höher sind. Leider habe ich unter den Röhrenfassungen kein Bild gemacht, allerdings ist es auch dort sehr überschaubar. Etwas gewurmt hat mich die Signalversorgung, da es hier zu ganz seltsamen Verhaltensweisen kam -  kurzum, das Signalrelais hatte durchweg einen unendlich hohen Widerstand. Nach ausgiebigem Kontakteputzen passt das aber auch wieder soweit. 
Die Aussteuerungsanzeige habe ich kurzerhand gegen eine von Neuberger getauscht, da mir beim kläglichen Versuch, die Lagerspitzen vom Rost zu befreien, eine Feder an der Spule abriss. Der Gleichrichter für das Anzeigeinstrument hatte es auch hinter sich, sodass ich auf einer versteckten Platine einen neuen Verbaut habe. Fotos und Schaltung liefere ich nach - es ist nun so angeschlossen, dass es auch bei Wiedergabe anzeigt. Mit drei Dioden und Widerständen im Querpfad, sodass es eine logarithmische Kennlinie oder zumindest eine nichtlineare hat. 

Das Gehäuse wurde nach einer tiefgehenden Entschlackung mit Bref Grün in Zitronensäure entrostet, anschließend mit der Drahtbürste gebürstet und die Roststellen mit Owatrol (einem aushärtenden Rostschutzöl) konserviert. Die ehemals lackierten Füße sind nur mit Owatrol konserviert. Die Gummierung der Reifen war nur noch rudimentär vorhanden, allerdings fand sich mit Kleber beschichteter Schrumpfschlauch im Fundus, der nun seinen Dienst als würdiges Substitut tut.

Hier erst einmal der halbwegs saubere und korrigierte Schaltplan:

[attachment=133039]

Im Testbetrieb zeigten sich 2,25 W RMS an 4 Ohm bei einem Eingangspegel von 152 mVeff, was denke ich ganz okay ist. Da die FFT-Funktion von meinem Oszi nicht wirklich gut ist, habe ich den Eingangspegel soweit erhöht, bis der Sinus anfing, sichtbar zu verzerren.

Folgende Spannungen ergeben sich im Betrieb an 230 V:

Erster 16 uF Elko: 330 V
Uf = 5,7 V (Bisschen arg niedrig, allerdings wird der Trafo auch nicht übermäßig warm)

EL11:
Uk = 7,2 V
Ug2 = 290 V
Ua = 274 V
Ik =  40 mA

EF12:
Uk = 3 V
Ua= 100 V

Nicht ganz die Datenblattwerte, aber hier fehlt mir ganz klar die Erfahrung, um zu sagen, ob das okay ist. Da müsst ihr ran!

Beim Testen machte es plötzlich "plopp" und der 1500 uF Elko ergoss sein Elektrolyt über die untere Pertinaxplatte. Neuen eingelötet, Mikrofonspannung gemessen. Huch, 40 V. Das gefälllt dem 16 V Ersatzelko herzlich wenig. Was ist geschehen? Die Schaltbuchse am Mikrofoneingang ist aufgrund ihrer primitiven Konstruktion etwas Kontaktscheu, sodass im Leerlauf die Spannung nach oben schießt. Nach einer Weiteren Putzorgie hier und einem 80 Ohm Widerstand parallel zum 1500 uF funktioniert aber alles, wie es soll. Mit einem Dynamischen Mikrofon zeigt sich der Eingang in voller Funktion. Kohlemikrofon geht natürlich auch.

Ich mache gleich noch einen Suche-Thread auf, benötige ich noch einen sechspoligen Stecker und einen Lautsprecherstecker.

[attachment=133044]

Nun, genug geschrieben, habe ich noch ein paar Bilder für euch:

[attachment=133035][attachment=133037][attachment=133038][attachment=133036]


Ganz witzig ist die Kombination mit einem "FEHO Gigant", wobei der sich mit seiner Bemessungsleistung von 50 W und ohne Schallwand ganz schön langweilt. 

[attachment=133040]
(31.01.2024, 14:41)anton schrieb: [ -> ]Was für ein uriges Teil! Der Vergleich mit einem Zimmerofen ist gar nicht so weit hergeholt, so rein optisch erinnert das Gehäuse schon daran. Gleichzeitig erinnert es mich aber auch an die großen Messgeräte in Laboren und großen Fachwerkstätten. Vielleicht waren original sogar noch Rollen unter den Stellfüßen?
Ja, vielleicht tatsächlich Bestandteil eines Aufnahmestudios für Schellackplatten oder in der Art. Über die Herkunft kannst Du vermutlich nichts sagen? Könnte evtl. auch Teil der Bühnentechnik in einem Theater gewesen sein.

Vielleicht hat tatsächlich mal ein Plattenspieler oben drauf gestanden.

Dieser Schneidverstärker der Fa. Maihak (leider ohne Bild) hat schon einmal die gleiche Röhrenbestückung:

https://www.radiomuseum.org/r/maihak_sch...r_v43.html

Hallo Anton,

Danke für den Hinweis, das ist tatsächlich das Einzige, was das RM.Org mit der Bestückung in die Richtung hergibt. Eventuell mal dort im Forum fragen oder ich wende mich mal an die Redaktion der Funkgeschichte.

Die Bezeichnung Ma. Über der mystischen Buchse könnte auf Magnet...ophon hindeuten?

Rollen sind tatsächlich drunter. Über die Herkunft weiß ich gar nichts.
Macht auch rein optisch was her, Kohleofen mit Monsterlautsprecher Smile Gefällt mir sehr gut zusammen. Klasse, dass Du das Gerät wieder zum Laufen gebracht hast. Sicher sehr viel Arbeit, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es auch viel Spaß gebracht hat, aus der verrosteten Büchse, wieder einen ansehnlichen Zeitzeugen seiner Art gemacht zu haben.

Ist die silberfarbene Vorrichtung an der rechten Seite eine Kabelaufwicklung?
Danke, Mark,
Kann ruhig auch heute ruhig einen riesen Raum beschalen. Und der Klang ist einfach klasse! Thumbs_up
Hallo zusammen,

ja, da rechts kann man Kabel aufwickeln, zumindest fällt mir da auch nichts schlaueres ein.

Kann jemand von den alten Hasen noch was zu meinen Messwerten sagen? Smile

Ich werde mal noch ein paar bessere Bilder machen und mich an Jogis Röhrenbude, GFGF und evtl auch Radiomuseum.org wenden. Vielleicht bekommt man durch die Reichweite dieser Institutionen noch einen Hinweis auf die Herkunft des Gerätes.
Hallo zusammen,

der Verstärker hat noch einen Lautsprecher bekommen. Ich muss zugeben, ich habe gegen meine Prinzipien verstoßen - keine alten Geräte so Umbauen, dass der Ursprungszustand nicht wieder hergestellt werden kann. Aber nun ja, was will man mit einem AEG Furniculus Leuchtofen für 120 V? Ich habe ihn gereinigt und ebenfalls mit Owatrol eingerieben, das originale Gitter durch Kreuzlochblech ersetzt und eine stoffbespannte Schallwand eingebaut. Klingt ganz okay, HIFI ist natürlich was anderes, aber scheppern tuts nicht. Das Loch vom Schalter wurde noch verblendet. Dort, wo die Heißgerätebuchse saß, sitzen zwei Bananenbuchsen.

[attachment=133697]
Wie geil Smiley58
ist richtig Toll geworden.
Einen Ofen an den Ofen....

Mark, der Umbau gefällt mir sehr gut. Was hättest du mit dem alten Heizofen anfangen sollen? So ist da ein schöner Lautsprecher entstanden. Lob!
Gute Idee und tolle Umsetzung Mark, gefällt mir auch sehr gut. Im Grunde sind jetzt 3 Öfen nebeneinander: Kachelofen, Verstärker-Ofen und der AEG Heizstrahler. Kalt werden, dürfte es bei Dir in dem Zimmer wohl nicht mehr ungewollt Big Grin
...super gemacht,
als hätten diese beiden Geräte schon immer zusammen gehört... Thumbs_up Thumbs_up Thumbs_up

Viele Grüße,
Rolf
Hier noch ein zeitgenössisches Prospektblatt der Fa. AEG, das auch den "Leuchtofen Furniculus" zeigt.

[attachment=133706]
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