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Seltsamer Telefunken
#1
Mit der Zeit störte es mich immer mehr, kein betriebsfähiges Radio mit dem weit verbreiteten Röhrensatz der A-Serie, AK2, AF3, ABC1, AL4 und AZ1 zu haben.

In meinem Reservelager stieß ich alsbald auf ein Telefunken- Gerät mit genau diesen Röhren - und das mir um so merkwürdiger erschien, je länger ich es ansah.

Mit den vorgefundenen Eigenheiten kann es sich unmöglich um ein von Telefunken in Deutschland gefertigtes Gerät handeln, es könnte bestenfalls von einer ausländischen Telefunken- Filiale stammen, oder der Name ist eine Fälschung. Im RM.org ist nichts darüber zu finden. Eine Rückwand ist leider nicht vorhanden, außer einer kaum leserlichen Seriennummer gibt es sonst keine Hinweise auf dem Gerät.
   

Es ist ein „Radio für Linkshänder“, - ungewöhnlich für Querformat-Geräte ist die Skala links, der Lautsprecher rechts.

   

Die Skalenscheibe ist nur 1,2 mm dick, es gibt keine Wellenlängen- und keine Frequenzangaben, nur schwarze Schrift auf transparenter Umgebung, mit einer eigenartigen Schreibweise von „r“ und “t„. Die Schrift ist auf einer transparenten Folie, die von hinten auf das Glas geklebt wurde und teilweise abgeblättert ist. Auch die Drehknöpfe sehen nur sehr ungefähr wie Telefunken- Knöpfe aus.

   

Als Abstimmanzeige dient ein Messinstrument mit einem Sichtfenster, das aussieht, als wäre es für ein Magisches Band vorgesehen. Ich habe auch nicht die geringsten Bedenken, hier eine PM84 einzubauen, sollte das Instrument defekt sein oder nicht zufriedenstellend arbeiten.

   
Als außergewöhnlichen Luxus besitzt es einen Dreifach- Drehko.
Die AZ1 arbeitet in Einweggleichrichtung auf der Minusseite mit den Anoden auf Masse, wie im VE. Der Netztrafo ist mit Schränklaschen befestigt.

   

Die meisten Widerstände und Kondensatoren sind von der Marke „Always“, ein Elko ist von „Ditmar“, Austria, einer ist von „Ducati“, einige Knochenwiderstände sowie deutsche und französische Kondensatoren und Elkos scheinen von späteren Reparaturen zu stammen, wie auch das 9 mm dicke 2-Ader- Starkstrom- Gummikabel.

Grüße,
Jacob
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#2
Hallo Jacob,
ich würde mal auf ein Eigenbaugerät tippen. Dafür sprechen folgende Indizien, soweit ich sie erkennen konnte.
- Das Seilrad auf dem Drehko scheint aus einem Stück Alu- Blech ausgearbeitet zu sein.
- Vom Drehko sind sicherlich nur 2 Pakete für Vorkreis und Oszillator angeschlossen.
- Sammelsurium von vielen Bauelemente- Herstellern.
- Röhrenfassungen sind angeschraubt, nicht wie bei einer Serie, aufgenietet.
- Die Skala scheint fototechnisch auf einem Stück z.B. Röntgenfilm hergestellt zu sein.
Das Gerät ist sicher nach dem Krieg in den 1947er bis 1950er Jahren gebaut worden. Dafür sprechen die Stationsbezeichnungen, die z.B. für die polnischen und tschechischen Sender teilweise in Landessprache beschriftet sind. Die hätte man vor und während des Krieges bestimmt alle in der eingedeutschten Schreibweise geschrieben, weil sie besetzt waren.

Ein sehr interessantes Gerät. Da juckt es bestimmt in den Fingern, die Schaltung aufzunehmen und das Teil wieder zum Spielen zu bringen.
Viele Grüße

Wolfram

"... Bei uns tut jeder, was er kann. Aber nicht jeder kann, was er tut. ..."
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#3
so was ähnliches habe ich von Peter aus Innsbruck bekommen. Auch ohne Rückwand und nicht zu identifizieren. Ich gehe mal von einem Besatzungsradio aus.

   

   
Gruß,
Jupp
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wenn man nur den Hammer kennt, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel
--------
Zensur findet im Endgerät statt (CCC)
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#4
Hallo Jacob, schau mal bei den Telefunken aus Polen, die sind fast alle linkshändisch. Vielleicht hilft das weiter.
Es grüßt der Michel vom Sender Göttelborner Höhe
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#5
Der Michel vom Sender Göttelborner Höhe lag richtig: Thumbs_up es ist der Magnat CZ von Telefunken - Krajowe Zaklady, Warszawa. Smiley14

Aber die Argumente von Wolfram sind durchaus berechtigt: der Gesamteindruck, den das Gerät vermittelt, ist nicht sehr professionell, insbesondere die Skala ohne Wellenlängen- und Frequenzangaben entspricht eher Bastler-Niveau.
Es verwundert schon etwas, dass Telefunken diese primitive Aufmachung zuließ.

Im RM hatte ich zuerst wohl nur nach Telefunken Deutschland gesucht und daher dieses Modell nicht gefunden.

Grüße,
Jacob
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#6
Hallo Jacob,
ich hatte unter der Professionellen Modellsuche zunächst nur Telefunken-Geräte mit der von Dir angegeben Röhrenbestückung gesucht, da ist dieses Modell nicht dabei.
Aber dann suchte ich nach Telefunken Radios von 1935 bis 1945 und fand dieses dennoch nicht. Vielleicht hatte ich Tomaten auf den Augen Wink
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#7
Hallo Daniel,

da hatten wir beide Tomaten auf den Augen, ich hab es ebenfalls so gesucht und nicht gesehen.
Es grüßt der Michel vom Sender Göttelborner Höhe
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#8
Hallo Jacob,
nachdem ich mir die Fotos und die Schaltung von dem von Dir gefundenen "Magnat CZ" angeschaut habe, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass das Dir vorliegende Gerät in großen Teilen ein Eigenbau ist. Ich meine, erkennen zu können, dass auf den Bildern vom RM.org die Röhrenfassungen auch mit Schrauben befestigt worden sind und die fototechnische Skala identisch ist. Der v- förmige Ausschnitt auf dem Skalenrad ist auch, wie bei Deinem Gerät, zu erahnen. Die Chassis- Topologie ist gleich, inklusive der auf einem extra Blech befestigten Becherelkos.
Es scheint so, dass das ein polnisches Telefunken- Serienradio ist, bei dem im Zuge recht umfangreicher Reparaturen in der Vergangenheit viele Bauelemente ausgewechselt wurden, wobei natürlich nur die gleiche Funktion und nicht das gleiche Fabrikat im Vordergrund stand. Es wurde eben nur das eingebaut, was gerade vorhanden war.
Viele Grüße

Wolfram

"... Bei uns tut jeder, was er kann. Aber nicht jeder kann, was er tut. ..."
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#9
Erste Töne !

Nach einer Kondensator-Kur, Durchsicht und Beseitigung vorheriger Reparaturfehler, wurde zunächst über den Stelltrafo, aber noch ohne Anodenspannung, die Spannung vorsichtig hochgefahren.

Schon da stellte sich eine Heizspannung von kaum über 3,6V ein, der Netztrafo steht auf 220V und Netzspannung ist z. Zt. auch nur 220V, (möglicherweise wegen Arbeiten an der Trafo- Station, sonst sind es 227V).
Der Geräte-Netztrafo wurde einmal neu gewickelt, da hatte man sich wohl bei den Windungen verzählt oder verrechnet. Die Unterheizung von -10% ist unbefriedigend.

Nun wurde der „Anlass-Widerstand“, ein 2,2 kΩ Drahtpoti, in die Anodenleitung eingeschleift. Die Anodenspannung baute sich zuerst auf ca. 350V auf und sank ab, als Empfangsröhren aufgeheizt waren. Nachdem das Drahtpoti auf 0 Ω = volle Spannung gestellt war, ergab sich eine Anodenspannung von nur 215V und am gemeinsamen 20 + 20 kΩ Spannungsteiler für die Vorstufen- Schirmgitter und Oszillator liegen nur 50V an.

Das stark kratzende Lautstärke-Poti konnte mit Kontakt-Spray beruhigt werden.

Nach einstecken der Antenne und verstellen des Drehkos ertönte als erster Sender Radio China International, deutsches Programm ! Es war zufällig Kurzwelle eingestellt und der Drehko war voll eingedreht = 49 m-Band.

Auf Mittelwelle ergab sich Modulator- Empfang und auf Langwelle die üblichen Franzosen. Nach dem Empfangs- und Höreindruck ist ein HF/ZF- Abgleich angesagt.

Das Abstimmanzeige- Instrument bewegt sich zwar, aber dessen Beleuchtung ist noch sehr mangelhaft.
Ein neu gezeichnetes Schaltbild vom RM, das aber mindestens einen Fehler enthält, erleichterte die Übersicht.

Der ohmsche Widerstand des Ausgangsübertragers ist mit 720 Ω enorm hoch ! An der Haupt +Ub sind 5 Verbindungen an einer Lötstelle ! - Manche Dinge sind hier nicht in der Qualität, wie sie sein sollte.

Es sind noch verschiedene Mängel zu beseitigen (Skalenseil, Anzeige- Instrument, Skalenhintergrund). Für die zu geringen Spannungen muss noch eine Lösung gefunden werden.

M. f. G.
J. R.
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#10
(15.07.2018, 18:27)saarfranzose schrieb: so was ähnliches habe ich von Peter aus Innsbruck bekommen. Auch ohne Rückwand und nicht zu identifizieren. Ich gehe mal von einem Besatzungsradio aus.

Hallo Jupp

Ein interessantes Gerät hast Du da. Auf die Schnelle habe ich das im RM.org auch nicht gefunden.

Auffallend ist, dass Stahlröhren verbaut sind. Die wurden ja eigentlich nur in wenigen Ländern verwendet, das schränkt zumindest auf deutschen Einflussbereich ein.

Der Drehko aber ist m.E. von Philips, nicht von Telefunken. Hast Du auch noch Detail-Bilder der Chassis-Unterseite? Was steht auf den (wohl noch originalen) Elkos?

Speziell auch, dass das Gerät zwei Kurzwellenbereiche hat. Das war m.W. bei Telefunken unüblich.

Auch das optische Erscheinungsbild ist nicht typisch für Telefunken mit z.B. dem Emblem nur auf der Skala.

Also, gibt uns mehr "Futter", bitte!

Viele Grüsse, Walter

P.S. an die Moderatoren: Wäre das nicht einen eigenen Thread wert?
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#11
ich hatte das Chassis noch nie raus. Das werde ich nachholen. Und klar, in einem extra thread.
Gruß,
Jupp
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#12
Das Projekt Telefunken Magnat CZ ist jetzt soweit abgeschlossen.

Im Verlauf der Arbeiten an diesem Gerät erhielt ich den Eindruck, dass die Ausführung dieses Radios einem gnadenlosem Spardiktat unterlag, wodurch die Qualität und Leistung, die es normalerweise gehabt hätte, deutlich herabgesetzt wurden.

So wurden, um einen kleineren Netztrafo betreiben zu können, die Ströme aller Röhren herabgesetzt.
Ohne Rücksicht auf nachteiligen Folgen wurde die Schaltung vereinfacht und Bauteile eingespart.

Für mich erschien dies alles sehr unbefriedigend, weshalb ich einen Netztrafo angemessener Leistung einbaute, die Röhren nach Nenndaten beschaltete und andere Schaltungsmängel beseitigte. Dieses Re-Design fand ich interessant genug, um es auf meiner HP vorzustellen.

http://radio-roehren-etc.de/index.php/ei...d-redesign

Grüße,
Jacob
Die Sockel sind (schon) an den Röhren !


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I'm a face without a book !



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#13
da hast du aber mit viel Sachverstand alle Schwachpunkte aufgedeckt und ausgemerzt. Waren denn wenigstens die Bandfilter brauchbar bezgl. Klang?
Gruß,
Jupp
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#14
Das Gerät ganz hat sogar einen Bandbreitenregler, wenn dieser auf breit steht, ist der Klang für einem Superhet ganz brauchbar. Ich zähle es klanglich zu den etwas besseren Geräten und lasse es daher öfter mal laufen.

Grüße,
Jacob
Die Sockel sind (schon) an den Röhren !


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#15
Hallo Jacob,

anstelle der EM84 könntest Du eine EM800 nehmen, die hat auch nur einen aufsteigenden Balken.
Viele Grüße aus Loccum, Wolfgang

Wer niemals fragt, bekommt nicht einmal ein Nein zur Antwort.

In Memorandum 2018
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#16
Hallo Wolfgang,

das original Schatten- Abstimmanzeigeinstrument funktionierte in der alten Schaltung nicht richtig, daher der Versuch mit der PM84, die ich mit den vorhandenen 4 V heizen konnte.
Für eine EM800 hätte ich aber 6,3 V gebraucht, die es in dem Radio nicht gibt.

Mit der neuen Schaltung funktionierte das Abstimmanzeigeinstrument jedoch einwandfrei, so dass die Magisches Band- Sache überflüssig wurde. 

Grüße,
Jacob
Die Sockel sind (schon) an den Röhren !


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