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SIEMENS Dreiröhren-Schatulle 53WL
#1
Aus gegebenem Anlass widme ich mich als nächstes einem SIEMENS 53WL.
Hier die Daten

Hersteller: SIEMENS
Modell: Dreiröhren-Schatulle 53WL
Baujahr: 1935-36
Röhrenbestückung: RENS1294, RENS1284, RES964, RGN1064
Stromversorgung:
110V, 125V, 150V, 220V, 240 Wechselspannung
Wellenbereiche: LW, MW
Bedienelemente:
   Vorderseite: links: Lautstärke; Mitte: Senderwahl und Stummschalter, rechts: Wellenbereich und Rückkopplung
   Rückseite: 2 Schalter: (i) Klangfarbe, (ii) Abschaltung des eingebauten Lautsprechers
Gehäuse: schwarzes Bakelit mit elfenbeinfarbenen Knöpfen und Füßen.
Fabrik Nr. B 67172 S
Abmessungen: BHT: 36,5 cm x 45,5 cm x 32,5 cmm
Gewicht: ca. 15 kg

Hier ein paar Bilder des Anfangszustands:

                               

Der Sperrkreis rechts unten im Bild ist steckbar. So sieht das Chassis aus, wenn man den Sperrkreis aus seiner Halterung zieht:

   

Der Sperrkreis wird über einen Friktionstrieb betätigt - leider war der kleine Gummiring zerfallen (roter Pfeil) , der die Drehbewegung der Antriebsachse auf das große Pertinaxrad umsetzt.

   

So sieht der auf der Senderwahlachse sitzende Stummschalter aus.

   

Und so der auf dem Wellenschalter sitzende Rückkopplungsdrehko. Ich hoffe, er ist noch intakt, denn eine Restauration dürfte angesichts der komplizierten Mechanik schwierig werden.

   

Bis hierher sieht eigentlich alles ganz nett aus. Leider hat aber die Verdrahtung unter dem Chassis nicht mehr viel mit dem Original zu tun. Alle mit roten Kreuzen markierten Bauteile sind nicht original!:

     

Im Prinzip ist der Rückbau auf die Originalverdrahtung auch kein so großes Problem. Dietmar (DiRu) hat mir die originalen SIEMENS Unterlagen zukommen lassen. Darin ist nicht nur das Schaltbild enthalten, sondern auch die Stücklisten und Position jeder einzelnen Komponente.

                           

Leider fehlt der große Sammelkondensator, den ich dann nachbauen werde. Die Abmessungen kann man durch Vergleich der realen Chassismaße mit der Zeichnung in den Serviceunterlagen gut abschätzen.

Ich werde dann demnächst über die einzelnen Reparaturschritte berichten.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#2
Moin Harald,

das sieht ja sehr schön aus. Auch das Chassis sieht noch gut aus. Auch wenn es off topic ist - ich staune immer über deine Fotos. Wie bekommst du die so schön hin ??

Gruß
Oliver
P.S. - auch wie bei meiner gerade in Arbeit befindlichen Schatulle sind auch hier die Drähte mit der Gewebeschlauchisolierung verbaut. Sind die hier auch so hart, dass sie direkt brechen wenn man sie bewegt ? Ich konnte mit einem Föhn das Ganze etwas geschmeidig machen.
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#3
Hallo Oliver,

ja, der brüchige Isolierschlauch ist ein Problem. Ich bemühe mich immer, die Drähte wenn irgendwie möglich nicht zu biegen. Wenn es dann doch einmal nicht zu umgehen ist, z.B. wenn ein Draht von der Chassisoberseite zur Chassisunterseite durchtaucht und man ohne ihn zu bewegen beim besten Willen nicht sieht wo er hinführt, versuche ich folgendes: Ich löse die Verklebungen des Drahtes mit seiner Umgebung mit einem feinen Skalpell. Bei einem Kabelbaum ist man eine Weile beschäftigt. Aber hinterher kann man die Drähte dann doch meist ein wenig bewegen und feststellen wohin sie verschwinden.

Klar, man kann auch erwärmen, aber wenn man einen Kabelbaum hat, ist das nicht besonders zielführend. Klebt hinterher alles noch mehr zusammen als vorher.

Wenn ich schöne Bilder machen will, warte ich einen Tag mit bedecktem Himmel ab. Auf unserer Terrasse haben wir einen weiss beschichteten Tisch. Diesen umgebe ich auf 2/3 seines Umfang mit einer Wand aus 1,5 m hohem, weißem Zeichenkarton. Kriegt man beim Künstlerbedarf. Der ist so dick, dass er von alleiene steht. Da ist man schon dicht an einem Diffuslicht-Tubus.  Die Terrasse kann mit einer grauen Markise abgeschattet werden. So gelingen wirklich gute Photos, wie z.B. die von meinem Paillard 5502

https://www.radiomuseum.org/r/paillard_5502b.html

Als ich gestern die Bilder vom Siemens 53WL machte, schien leider die Sonne und so sieht man auf glatten Oberflächen wie dem Bakelitgehäuse und der Skalenscheibe Reflexe der Gartenvegetation.

Die Kamera ist eine CANON EOS 40D. Zur Bildbearbeitung verwende ich IRFANVIEW

Warum ich diesen Aufwand treibe? Ich photografiere viel für RMorg. Da gibt es zwar Massen von Bildern - aber viele sind wirklich totaler Schrott und helfen einem bei der Restauration eines Gerätes in vielen Fällen herzlich wenig. Da ich mich öfter mit dem Ernst Erb austausche, habe ich mal die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und über die Qualität der Bilder gelästert. Er war meiner Meinung, und meinte, dass es ihm auch auf den Geist geht, wenn die Kollegen das x-te unscharfe Bild einer EL84 hochladen - aber er will auch seine Klientele nicht verprellen, indem er sie zurechtweist. Anregungen zur Erstellung schöner Gerätebilder gibt es schleßlich bei RMorg. Mehr kann er nicht machen.

Da habe ich mir gesagt, das mache ich besser. Und seitdem räume ich jedes Mal wenn ich Bilder von Geräten oder Röhren mache die Terrasse um. Findet meinen Frau zwar nicht so lustig, aber es ist ja für einen guten Zweck.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#4
Zitat:Aus gegebenem Anlass widme ich mich als nächstes einem SIEMENS 53WL. 

Da lese ich gerne aus gegebenem Anlass mit Wink
Sind die elfenbeinweissen Bauteile durch den Zahn der Zeit so beige angelaufen oder täuscht das nur auf den Fotos?

Viele Grüße 
Dirk
---
Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet...Dirk
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#5
Also, der Becher für die Kondensatoren hat die Maße:
  • L = 75 mm, B = 55 mm, H = 45 mm

Bei den Fotos stört nun leider etwas die Mittelstrebe des Gehäuses unten. Hoffentlich ist trotzdem genügend erkennbar.

Der Block-Kondensator:
   

Linke Seite:
   

Rechte Seite:
   

Auf den Fotos leider nicht so gut erkennbar:
  • Oben gibt es 3 Lötstützpunkte auf den Positionen (von li => re) 1, 4, 5 von insgesamt 6 Positionen.
  • Zwischen Pos. 1 und 4 kommen 3 Drähte heraus. Der mittlere (braune) davon ist der "heiße" Draht zur  TA-Buchse. Der Verlauf den beiden anderen ist nicht so richtig erkennbar. Einer scheint nach Masse zu gehen, während der andere zum vorderen Bandfilter zu gehen scheint.
  • Unten gibt es insgesamt 6 Lötstützpunkte in gleichmäßigem Abstand.  (Beim besten Willen kann ich nur 6 zählen, obwohl in den Unterlagen 7 benannt sind.)
Die Lötstützpunkte (unten & oben) dienen zur Halterung von Widerständen. Welche davon aber auch Kontakt zu den Kondensatoren im Becher haben, ist nicht so einfach ersichtlich.

Der SH_53WL war in den '80er Jahren in Betrieb und diente zum Empfang des DLF von Königlutter/Cremlinen auf 756 kHz. Der Netzelko wurde ersetzt durch einen MP 16+16uF 350/525V. Die Leitungen zum MP sind auf dem mittleren Bild zu sehen:
Braun & Orange an +, Weiß an Masse.

MfG DR
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#6
Hallo Harald,


Zitat:Sind die elfenbeinweissen Bauteile durch den Zahn der Zeit so beige angelaufen oder täuscht das nur auf den Fotos?

Die "dumme" Frage ziehe ich zurück - mein Handy-Display hat mich da heute unterwegs bzgl. der Farbe ziemlich getäuscht.

Viele Grüße
Dirk
---
Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet...Dirk
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#7
Hallo Dirk,


keine dumme Frage! Die Farben der Türknöpfe, der Drehknöpfe, der Scharniere und des Lautsprecher/Skalenrahmens sind wirklich etwas verschieden. Am dunkelsten scheint mir letzterer. Aber warum? Zum Reinigen werde ich sowieso alles demontieren - dann wird man sehen, ob der dunklere Farbton nur oberflächlich ist - also durch Verschmutzung zustande kam.

Danke, Dietmar, für die Informationen zum Sammelkondensator! Das bringt mich schon weiter!
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#8
Die Arbeiten am SIEMENS 53WL gingen weiter:

Lautsprecher:

Hier hatte sich auf dem größten Teil des Umfangs die Membrane vom Korb gelöst. Auch war der Membranenfalz durch Alterung auf einige Zentimeter Länge brüchig geworden (Keine äußerliche Einwirkung, da der Lautsprecherstoff intakt ist).
Also wurde die Membrane vollkommen herausgelöst und zunächst der Luftspalt gereinigt ... wie üblich mit TESA-Krepp-Band.  Funktioniert wunderbar um Fremdkörper zu entfernen. Die kleben auf der Oberfläche wie die "Muck" auf Omas Fliegenfänger. Danach wurde der Membranenfalz mit PATTEX stabilisiert und nach Trocknen die Membrane wieder mit PATTEX in den Korb geklebt. Die Zentrierspinne hat dafür gesorgt, dass die Schwingspule wieder sehr schön zentriert im Luftspult läuft.

Sammelkondensator:

Die erste große Aktion bestand darin, den Sammelkondensator nachzubauen. Glücklicherweise hatte ich noch ein paar alte NEUBERGER-Kondensatoren, deren Breite und Höhe mit den von DiRu angegebenen Maßen übereinstimmten. Musste man nur ein Stück absägen und die Seitenwand und Haltelaschen entsprechend versetzen. Sie wurde nicht gelötet, sondern mit Epoxy geklebt. Beim Löten verbrennt der alte Lack.

   

Nach DiRus Kommentaren und Fotos habe ich dann langsam aber sicher herausgetüftelt, wie wohl der Sammelkondensator von innen ausgesehen haben musste. Die grün gezeichneten Kondensatoren stecken in der Schachtel, die rot gezeicheneten Widerstände liegen außen an den Lötösen. Hätte ich gleich genauer hingeschaut, hätte ich in den Serviceunterlagen auch gesehen, wie das Innenleben des Sammlers organisiert ist. Hinterher ist man immer schlau. Es gibt eben doch nur 6 Lötösen - in der oberen Reihe (der chassisabgewandten Reihe) wurden 2 Lötösen ausgelassen und dafür schauen 3 Drähte heraus.

       

Interessant ist die Tatsache, dass der 1µF Kondensator an Lötöse (6) obere Reihe, der den Fußpunkt des 2. abgestimmten Kreises nach Masse abblockt, nicht mit dem allgemeinen Massepunkt im Kondensatorblock verbunden ist, sondern über einen Draht separat herausgeführt wurde. Da ich die Originalverdrahtung nicht vor Augen habe, habe ich den Masseanschluss dieses Kondensators im Moment mit dem Massepunkt des 2. Filters verbunden. Funktioniert zwar, aber vielleicht gibt es ja noch einen passenderen Punkt um unerwünschte Stuufenverkopplungen zu umgehen.

Der von der restlichen Beschaltung getrennte 0,1µF Kondensator in der oberen Reihe liegt im TA-Eingang. Seine Anschlüsse werden im Original über 2 Drähte herausgeführt. Der gelb markierte Anschluss führt an die TA-Buchse (wie DiRu schon richtig sagte) , der linke an den Wellenschalter und wird in Stellung TA auf das Gitter der RENS1284 geschaltet.

So sieht die Neubefüllung aus:

   

Und so in der Schachtel. Anstatt der 3 herausführenden Drähte habe ich 2 Lötösen (für denTA-Kondensator) und nur einen Draht (für den 1µF Kondensator) verwendet. War einfacher zu verdrahten. Die Pertinax-Oberfläche gefiel mir nicht - so habe ich sie mit REVELL Modelllack Nr.8 mattgrau  lackiert.

       

Dann wurde das gute Stück ins Chassis eingebaut und verdrahtet. Hier die VORHER - NACHHER Gegenüberstellung:

       

Das auf die Kondensatorschachtel aufgeklebte Bild ist ein Ausschnitt des Bildes, das DiRu hier von dem Sammelkondensator in seinem 53WL gezeigt hatte. Sieht mit dem schwarzen Balken zwar nicht so toll aus, aber der verschwindet ja bei zusammengebautem Gerät auch wieder hinter dem Steg im Gehäuseboden. Dann fällt er nicht mehr auf.  

Vielleicht liegen ja einige Verbindungsdrähte etwas anders als im Original. Der "Widerstands-Igel" am Sammelkondensator stimmt jedenfalls.

Das Gerät wurde nun versuchsweise auf LW in Betrieb genommen; EUROPE 1 kann man bei uns gut empfangen. Das Gerät funktionierte - die Spannungen stimmten recht gut - der Empfang war dürftig. Erst durch Nachstellen des Spulenkerns im 1. Filter verbesserte den Empfang. Da lag also etwas im Argen.

1. Filter

Nach Abnehmen der Abschirmhaube sah man sofort das Unglück:

   

Die Hohlnieten des unteren (MW) Trimmkondensators waren gerissen, sodaß die verstellbare Lamelle nicht mehr mit Masse verbunden war, sondern in der Luft hing. Aber warum funktionierte auch die LW nicht? Aus demselben Grund. Auch hier war die Kontaktierung durch gerissene Nieten unterbrochen - man sah es nur noch nicht.
Glücklicherweise gibt es in solchen Fällen eine probate Reparaturmethode: Man steckt M1,4 Schräubchen durch die Hohlnieten und befestigt sie von der Rückseite mit Muttern. Funktioniert perfekt:

   

Hier noch ein paar Ansichten des Filteraufbaus aus unterschiedlichen Richtungen:

           

Die unten liegende MW-Spule ist auf einen 3-Kammer H-Kern gewickelt. Die L-Abgleichspindel für MW nähert den Schenkeln des H eine Scheibe aus HF - Kernmaterial. Habe vergessen, wie das heisst.

Auf LW werden die 2 darüber liegenden Kreuzwickelspulen verwendet, eine für die Antennenankopplung, die andere als Kreisinduktivität. Der L-Abgleich erfolgt in üblicher Weise durch einen Tauchkern.

2. Filter

Nun hatte man natürlich den Verdacht, dass das 2. Filter gleichermaßen defekt ist. Nach Abnehmen der Abschirmhaube sahen die Hohlnieten vollkommen unschuldig aus. Das täuscht! Die Kontaktierung des oberen Trimmkondensators (LW) war tatsächlich noch intakt, beim unteren Trimmer (MW) lag aber zwischen der äußeren Lamelle und Masse ein Widerstand von ca 300 Ohm! Hätte zwar noch funktioniert, aber natürlich mit stark verminderter Kreisgüte! So fanden die nächsten 6 Schräubchen M1,4 ein neues Zuhause.

       

Hier noch ein Blick von oben in das 2. Filter. Links die LW Rückkopplungsspule, rechts die LW-Kreisspule.  

   

Auf dem Filterboden liegt der 100pF Koppelkondensator vom Hochpunkt des 2. abgestimmten Kreises zum Gitter der RENS1284 Audionstufe. Der ursprüngliche Rollenkondensator wurde durch einen 500V Glimmerkondensator moderner Bauart ersetzt. In diesem Fall habe ich ausnahmsweise darauf verzichtet, den Ersatzkondensator in der alten Hülle zu verstecken.

       

Danach wurde das Gerät nach Siemens-Vorschrift abgeglichen:

   

Derzeitiger Zustand:

Das Gerät lief jetzt über längere Zeiträume auf meinem Arbeitstisch problemlos.

   

Leider war die Skalenscheibe von Vorder- und Rückseite so stark verschmutzt, dass einfaches Abwischen nicht reichte - insbesondere die Rückseite blieb total schmierig. Die notwendige, etwas intensivere Reinigung führte dazu, dass die Beschriftung auf der Rückseite rechts oben etwas litt. Vieleicht hätte ich es lieber schmierig lassen sollen!

   

Nächste Aktionen:

Gehäuse, Türknöpfe, Türscharniere   reinigen / Ein Türscharnier kleben. Dann probiere ich mal Franks Methode der Gehäuse-Oberflächenbehandlung mit flüssigem Paraffin aus. Bei allem was ich bisher zur Gehäuseversiegelung verwendet habe, sah man hinterher jeden Fingerabdruck.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#9
Wenn ich das Problem mit den geplatzten Hohlnieten betrachte, muß ich doch mal meinen SH_53WL daraufhin inspizieren. Es könnte sich ja um einen prinzipiellen Materialfehler des dafür verwendeten Messings handeln.

Mit dem SH_53WL hatte ich vor (mindestens) 30 Jahren den DLF auf 756 kHz empfangen, als es sonst praktisch kaum andere Möglichkeiten dafür gab.
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#10
Das Problem mit den defekten Hohlnieten hatte mich schon bei der Reparatur des S&H 540GWLK beschäftigt.

   

Beim Öffnen der ZF-Filter waren mir kleine Messingscheibchen aufgefallen, die lose auf dem Filterboden lagen. Sahen aus wie kleine Unterlegscheibchen. In Wirklichkeit waren es die abgerissenen Köpfe der Hohlnieten, die die Trimmkondensatoren auf den Pertinax-Grundplatten fixieren sollten. Um dort den Trick mit den M1,4 Schräubchen anzuwenden, hätte man die Filter aber total zerlegen müssen. Das war mir dann doch zu viel Arbeit. An Stelle dessen habe ich kleine Kunstfolientrimmer eingebaut (Platz gibt es ja genug) und seitlich in die Abschirmbecher Löcher gebohrt, durch die man die Trimmer verstellen konnte.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#11
Hallo Harald,
prima - es läuft wieder. Ich bin erstaunt, wieviel Technik und Tücke am Ende nun doch in so einem "kleinen" Radio steckt.



Zitat:Leider war die Skalenscheibe von Vorder- und Rückseite so stark verschmutzt, dass einfaches Abwischen nicht reichte - insbesondere die Rückseite blieb total schmierig. Die notwendige, etwas intensivere Reinigung führte dazu, dass die Beschriftung auf der Rückseite rechts oben etwas litt. Vieleicht hätte ich es lieber schmierig lassen sollen! 

Nicht ärgern...eine leichte Patina/Geschichte darf so ein altes Gerät haben.
---
Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet...Dirk
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#12
(18.05.2018, 11:11)Hilti schrieb: Ich bin erstaunt, wieviel Technik und Tücke am Ende nun doch in so einem "kleinen" Radio steckt.

Stimmt, ist zwar "bloß" ein Zweikreiser, aber wenn man die Schaltung mal etwas genauer anschaut, ist das eben doch alles nicht sooo einfach wie beim Einkreiser. Alleine schon die Art und Weise, wie man das vorverstärkte Signal auf die Audionstufe koppelt ist eine Kunst! Man muss ja sicherstellen, dass selbst bei hoher Vorverstärkung - also zunehmend durchgesteuerter RENS1294 keine Stufenverkopplung auftritt und andererseits die progressiv niederohmiger werdende RENS1294 den Audionkreis nicht zu stark bedämpft was zu unerwünschtem Selektivittsverlust führen würde. Das erstere erreicht man durch geschickt gewählte und ausreichende Abblockungen, das zweite durch Ankoplung der Vorröhre an eine Anzapfung des Audiokreises (roter Pfeil).

   

Das ist alles toll ausgeklügelt und wenn hier die Arbeitspunkte und Abblockungen nicht mehr stimmen oder im Schwingkreis zu hohe Verlustwiderstände auftreten - z.B. wie hier durch Übergangswiderstände an den genieteten Kreiskondensatoren oder an den Kontaktierungen der Drehkondensatoren oder teilweise gebrochene Litzendrähte an den Spulen - läuft das Gerät viel schlechter als vor 80 Jahren. Soll es aber nicht!

Inzwischen habe ich ein wenig weiter gearbeitet.

Was mich doch enorm störte war der Farbunterschied zwischen den Drehknöpfen einerseits und dem Frontrahmen und den Türknöpfen und -Scharnieren andererseits. Wirklich übel!

   

Ich hatte schon mit verschiedenen Lösungsmitteln versucht, den Farbton der Teile aufzuhellen. Fehlanzeige! Dann habe ich die Teile - abgesehen vom Frontrahmen - in den Geschirrspüler befördert. Siehe da: Die Farben entsprachen denen der Drehknöpfe. Erfolg!

Aber was war mit dem Frontrahmen? Den in den Geschirrspüler zu stecken, erschien mir nun doch etwas zu mutig. Also wurde die Oberfläche Stück für Stück mit 000-Stahlwolle geschliffen. Es dauerte eine Weile, aber irgendwann kam die helle Originalfarbe zum Vorschein. Natürlich musste man in der Nähe des SIEMENS Schiftzugs vorsichtig sein, um die Farbbeschichtung nicht auch noch wegzuschleifen. Da habe ich kleine Stahlwollekugeln mit einer Pinzette gefasst und mich vorsichtig an den Schriftzug herangearbeitet. Den Raum zwischen den Buchstaben habe ich zum Schluss mit einem Skalpell ausgekratzt. Ist ganz nett geworden, aber in der Nähe des Schiftzugs sieht man halt immer noch die Vergilbung.

   

Was tun? Beim 540GWLK hatte ich alles geputzt und nachher die erhabenen Buchstaben mit einem feinen (0,8mm) goldenen Edding betupft.

   

Danach wurde das eine gerissene Scharnier repariert. Hier der Zustand vor der Reparatur:

   

Auch das gelang ganz ordentlich - obwohl man den Riss bei genauer Betrachtung immer sehen wird. (Bild weiter unten)

Jetzt frage ich mich noch, was ich mit den Kugelfüßen anstellen soll. Die Lackierung ist stark rissig und ebenfalls gedunkelt. Auf Eierschalen-Farbton nachlackieren? Oder lieber original lassen?

   

Letzten Endes habe ich noch den wie üblich bei diesen Geräten abgebrochenen Hebel der Klangblende rekonstruiert. Dieser kleine Hebel schaut aus der Rückseite des Gerätes heraus und besteht aus 2mm starkem NOVOTEX. Stösst man mit der Rückseite des Gerätes irgendwo gegen, bricht dieser filigrane Hebel sofort ab - das Führungsloch ist eine ideale Sollbruchstelle.

   

Das folgende Bild zeigt links den kleinen Hebel und rechts noch einmal die Scharniere - das  reparierte ganz rechts im Bild.

   

Ich habe mal angefangen, nach gründlichem Waschen in der Badewanne, das Bakelit-Gehäuse mit "POLIFAC Lackdauerschutz Hartwachs" zu bearbeiten. Sieht ganz ordentlich aus. Bilder kommen später.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#13
Hallo Harald,

das Hebelchen würde ich aus Pertinax neu bauen,
ist sicherlich fummelig, aber beim zweiten Anlauf sollte es klappen.
Die Kugelfüße komplett neu lackieren. Wenn sie einheitlich neu
lackiert sind, fällt das doch nicht auf ..... Angel 

Gruß,
RE 084
RE 084 heisst Hans und kommt aus 41844 Wegberg
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#14
Hallo Hans,

das war wohl ein Missverständnis. Das auf dem letzten Bild ganz links gezeigte Hebelchen IST der Nachbau des Originals. Ich hatte ja noch das innere Bruchstück und habe mich bei den äußeren Maßen nach dem identisch aufgebauten Schalter für die Abschaltung des eingebauten Lautsprechers gerichtet. 

   

NOVOTEX ist ein auf Phenolharz basierender Kuststoff und entspricht in seinen Eigenschaften dem in Seglerkreisen bekannten TUFNOL. Sieht aus wie Pertinax, stinkt bei der Bearbeitung so wie Pertinax, verwendet aber als Trägermaterial für das Phenolharz nicht Papier sondern Gewebe. Das führt zu einer wesentlichen Strukturstabilisierung!

Bei den Kugelfüßen bin ich noch am überlegen. Mal sehen, wie sich das Gerät im fertigen Zustand präsentiert. Wenn es zu lumpig aussieht, sehe ich mich mal nach einem passenden RAL um.
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#15
Hallo, Harald,
Wie immer von Dir eine sehr präzise Arbeit. Für alle die später ein solches Gerät regenerieren wollen, eine tolle Anleitung.
Ich besitze zwar das Gerät nicht, aber genieße trotzdem diesen großartigen Bericht und weiß die Arbeit die dahinter steckt zu schätzen.
Gruß!
Ivan
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#16
Hallo Kollegen,

nun ging es mit dem 53WL in die Endrunde.

Zunächst wurden die Kugelfüße abgebeizt, grundiert und mit Spraylack RAL 1015 (hellelfenbein) neu lackiert. Die Farbe passt perfekt zu Skalenrahmen und Knöpfen. Hier ein paar Bilder:

Vorher:

   

Nachher. Damit jemand die Kugelfüße nachfertigen kann, habe ich auch die Maße angegeben:

       

Von der Unterseite haben die Füße Sacklöcher mit 14mm Durchmesser und 8 mm Tiefe. Ein Teil dieser 8mm wird von den Muttern der von oben durch den Chassisboden kommenden M5 - Befestigungsschrauben in Anspruch genommen. Der restliche Raum wurde im Original durch dicke Filzstopfen aufgefüllt, die unten ein wenig aus den Füßen herausschauten. Bei meinem Gerät waren diese Stopfen total zerfressen. Also musste ein Ersatz her. Im Baumarkt gab es Plattenmaterial aus denen man sich selbst Möbelgleiter zurechtschneiden konnte. Aus diesem Material habe ich mit einem 14mm Locheisen die passenden Filzpads ausgestanzt. Die Dicke ist gerade so, dass zwei übereinander gelegte Pads die richtige Gesamtdicke haben. Das sieht dann so aus:

   

Zum Schluß stand immer noch der Sperrkreis an, bei dem der Gummiring des Friktionsantriebs total zerbröselt war.

So sah die Aufnahme des Gummirings aus (roter Pfeil): Durchmesser der kleinen Sitztrommel: 5,4mm. Links daneben die große Pertinaxscheibe, gegen die der Gummering unter leichtem Druck anliegt. 

   

Im Prinzip eine schöne Konstruktion, bloß kann man blöderweise die Achse nicht demontieren. Wo bekommt man einen passenden Gummiring her, und wie bekommt man ihn auf die Trommel? In meiner Not bin ich in den Karlsruhe Rheinhafen zur Fa. Brammer; die kennen sich mit O-Ringen für die Dichtungstechnik aus und haben mir schon öfter weitergeholfen. Fehlanzeige. Es gibt keine passenden O-Ringe mit passendem Innendurchmesser und korrekter Stärke. Er darf ja auch nicht zu stark sein, sonst schleift er am Gehäuse des Sperrkreises.
Wenn die Not am größten ist, kommen einem manchmal die besten Einfälle. Ich fand in der Gruschtelkischt eine kleine Gummi-Chassisdurchführung. Außen gerade richtiger Durchmesser, innen aber nur 5 mm anstatt 5,4mm. Also wurde der Innendurchmesser mit einer Rundfeile vorsichtig auf den richtigen Durchmesser aufgerieben. Und wie bekommt man den Ring nun an seinen Platz. Da hatte der Herr bei der Fa. Brammer den richtigen Tipp. Den Ring mit einem scharfen Skalpell radial durchschneiden und über die Trommel stülpen. Danach die Schnittfläche und die Trommeloberfläche mit ein wenig Sekundenkleber benetzen und die Schnittflächen des Rings möglichst präzisen aneinanderdrücken. Der Kleber war im Nu fest, die Schnittfläche ist kaum zu sehen und die Innenfläche des Gummirings ist auf der Trommel ebenfalls wunderbar fixiert. FUNKTIONIERT!

Hier noch ein paar Detals des Sperrkreises. Der Sperrkreis ist auf eine Basisplatte aufgesteckt, die mit 3 Stehbolzen über der Chassioberfläche gehalten wird. Auf der Unterseite trägt die Basisplatte eine kleine Spule, die in Serie zum Antenneneingang, also zwischen Antennenbuchse und Sperrkreiseingang liegt (hier stimmt das Schaltbild nicht!)
Der kleine, über einen Pertinax-Exzenter aktivierte Umschalter, der beim Einstecken einer externen Antenne betätigt wird, trennt die Verbindung zwischen Sperrkreiseingang und Lichtantenne und legt den vom Netzeingang kommenden 250pF Koppelkondensator (Teile Nr. 58) auf Masse.

       

In der Unteransicht sieht man auch meine Ersatzlösung für den Friktionsantrieb.

Spannend sieht das Innenleben des Sperrkreises aus. Es hat nämlich nichts mit der Schaltung der Siemens-Originalunterlagen zu tun:

In Wirklichkeit handelt es sich um 2 hintereinander geschaltete, abstimmbare Schwingkreise, die durch einen Umschalter kurzgeschlossen werden können - wahlweise der LW-Kreis, oder der MW-Kreis, oder keiner von beiden (Mittelstellung des Umschalters). Letztere Position kommt der menschlichen Trägheit am ehesten entgegen. Für die Umschaltung muss man nämlich die Rückwand abnehmen - und funktionieren tut der Sperrkreis auch so.... abgesehen davon, dass es heutzutage sowieso nichts mehr zu sperren gibt ....

       

Zum Schluss erfolgte noch der Endabgleich mit SIEMENS Prüfsender Rel.send. 22b (keiner meiner anderen Messender lässt sich soweit nach unten abstimmen und hat einen internen Nf-Modulator (400Hz). Beim Abgleich wurde zwischen den Ausgang des Messenders und den Antenneneingang des 53WL ein "künstliches Antennenglied 200pF / 350 Ohm" eingeschleift.

So sieht das restaurierte Gerät jetzt aus:

                   

Man staunt immer wieder, wie toll so ein Zweikreiser spielt ... vorausgesetzt er ist richtig abgeglichen!
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#17
Hallo Harald,

welch gut dokumentierte Arbeit und welch schönes Ergebnis. Die Farbe der Standfüße ist sehr gut getroffen und das Problem "Sperrkreis" elegant gelöst. Gleiches gilt für den Hebel der Lautsprecher-Abschaltung. Warum diese Begeisterung? Ganz klar - ich bin wohl einer der wenigen Zeitgenossen, der den progressiv designten Frackmännern optisch etwas abgewinnen kann. Wie "seltsam" muss er früher in  den Radiogeschäften neben all den "normalen" Radios gewirkt haben...
---
Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet...Dirk
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#18
Herzlichen Glückwunsch,

zu diesem wirlich schön restaurierten Gerät !
Das sieht klasse aus, besser hätte das Keiner machen können !
Smiley14 

Gruß,
RE 084
RE 084 heisst Hans und kommt aus 41844 Wegberg
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#19
Wunderbar, Harald. Wieder einmal wie aus dem Lehrbuch. Hätte man selbst ein solches Gerät in restaurierungsbedürftigem Zustand, man müsste es nur auf die Werkbank stellen und Deinen Bericht Punkt für Punkt abarbeiten.


Gruß
k.
_____________
Gruß
klaus

"Nutze das Fachwissen von Experten, aber bedenke stets: Die Technikgeschichte ist voll von Experten und Ihren Irrtümern."

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#20
Hallo Harald,
Dein Restaurationsbericht war eine spannende Sache,
das Gerät hast Du toll wieder hinbekommen - spitze...
Viele Grüße,
Rolf
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