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Röhrenvoltmeter MV1 Clamann & Grahnert Dresden
#1
Hallo zusammen,

heute stelle ich nun mit einer gewissen Freude mein MV1 vor, welches sich auf dem Board zusammen mit den anderen Meßgeräten lümmeln darf.
An dem zugegebenermaßen mein Herz ein wenig hängt.

   

Dazu muß ich aber erst mal etwas beichten, quasi augenzwinkernd mein Gewissen erleichtern. Denn dieses Meßgerät ist keines, welches ich geschenkt bekommen habe (das war nur ein einziges Mal - ein Oszillograf EO 1/71 - dazu in einer separaten Vorstellung später mehr). Es ist auch keines, welches ich später über das www gekauft oder via Tausch von einem Sammlerkollegen erhalten habe.

Nein, dieses Röhrenvoltmeter habe ich schlicht und einfach - geklaut. Gemaust von einem Schrottlagerplatz. Cool

Die Geschichte dazu ist schnell erzählt. Es war zur Wendezeit. Die schönen Meßgeräte - jahrelang gehegt und gepflegt und für uns Amateure normalerweise unerreichbar - sind plötzlich von einem Tag auf den nächsten nichts mehr wert. Sie fliegen auf den Müll des Betriebes.

Dieses MV1 mit der Nummer 36976 trägt auf seiner Rückseite noch den Bepper der Meßgeräteüberwachung. Der letzte Eintrag stammt von 1975. Der Rest war schon damals abgekratzt...

   

Naja, ich bekam irgendwann spitz, dass der Betrieb, in dem ich damals arbeitete, besagtes kleine Schrottlager (im Freien!) hatte, welches nicht abgesperrt war. Und da stand eines Tages dieses MV1. Zum Glück...

...war es nicht achtlos hingepfeffert; vielleicht tat es der- oder diejenige, der/die es entsorgen mußte, mit Wehmut und vorsichtig
...hatte es die Tage vorher lange Zeit schönes Wetter gehabt
...interessierte sich bislang offenbar niemand für dieses Meßgerät

Das Röhrenvoltmeter schaute mich in dem Zustand, so, wie es auf dem Foto da steht, an.

Der obligatorische Dederonbeutel war schnell zur Hand und zum Feierabend schmuggelte ich das MV1 an der Pforte vorbei nach Hause. Mit schlechtem Gewissen, denn es war zwar Schrott, aber der gehörte dennoch dem Betrieb! Auf der anderen Seite dachte ich durchaus, schon um mein Gewissen zu beruhigen: Wer weiß, was aus dem Röhrenvoltmeter geworden wäre, denn Regen hatte sich angekündigt.  Smile

(Wird fortgesetzt)
Penthode?
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#2
Zum Äußeren des Röhrenvoltmeters muss ich keine Worte mehr verlieren und so gehe ich nahtlos zum Schaltbild über:

   

Vorrangig als NF-RVM eingesetzt, kann das MV1 aber auch rauf bis zu 100 kHz messen. Es gehört ebenfalls zur Gattung der Verstärker-Voltmeter. Die beiden Röhren machen tatsächlich nichts weiter, als die Meßspannung zu verstärken. Die Umschaltung der Meßbereiche (S2), sowie die Gleichrichter- und Anzeigeschaltung liegen im Gegenkopplungspfad. Die Umschaltung mV zu V via S1 geschieht separat, dann wird ein geeichter Spannungsteiler wirksam.

Im Betrieb ist das etwas weniger komfortabel, als vergleichsweise beim MV20 - dort sind die Schalter durch Ebenen miteinander gekoppelt, so dass man nur einen Knopf betätigen muß. Hier beim MV1 muß man separat umschalten und sollte dabei höllisch aufpassen, rechtzeitig auf Volt zu schalten. Oft genug ist mir schon der Zeiger des Anzeigeinstrumentes "rechts rangeknallt". Gottseidank ist das Instrument sehr robust und ihr werdet`s übrigens nicht erraten: es ist wieder einmal eines aus Mellenbach...  Smile

Das MV1 ist "doof". Big Grin

Denn im Gegensatz zu anderen RVM fehlt ihm eine interne Einstell- bzw. Nacheichmöglichkeit in Form ein Einstellwiderstandes. Man kann nicht mal so eben und ohne weiteres die Anzeige korrigieren, wenn sie vom Sollwert abweicht. Bei Glamann & Grahnert war man offenbar so dermaßen überzeugt von der Schaltung und Anzeigegenauigkeit dieses Röhrenvoltmeters, dass sich Nachstelleinrichtungen erübrigten.

Die technischen Daten geben Auskunft: Meßunsicherheit 20 Hz - 30 kHz: kleiner/gleich 2% vom Endausschlag und bei 30 kHz - 100 kHz sind es immer noch kleiner/gleich 3% vom Endausschlag.

Sind aber tatsächlich Abweichungen der Anzeige da, dann muss man eben eingreifen ins Gerät. Einfaches Nachjustieren ist nicht. Viele Geräte, die zum Beispiel in der Elektrobucht angeboten werden und "nur" falsch anzeigen, brauchen somit eine ordentliche Reparatur.

Wie sieht es darinnen aus, im MV1?

Schraubt man zwei der Füße ab und entfernt die frontseitigen Schrauben, dann ist das Chassis fix herausgenommen. Bilder sagen mehr als 1000 Worte:

   

Dieses MV1 arbeitet komplett mit Miniaturröhren. Später zeige ich euch ein anderes MV1 aus meinem Fundus, welches noch Stahlröhren drin hat.

   

Man beachte das vergleichsweise riesige Meßinstrument. Die Gerätefront zeigt davon nur einen winzige Ausschnitt.

   

   

Interessant: die Verdrahtung des Bereichsumschalters. Die Widerstände sind - wie bei Clamann & Grahnert nicht anders zu erwarten - in ihren Werten einwandfrei.

Man erkennt trotzdem - ich war "schon drin". Zu sehen sind weiße und ein schwarzer Kondensator (Pfeil), die ausgetauscht werden mußten. Die weißen Kondensatoren sitzen auf einer modernen Lötösenplatte, denn die Originalkondensatoren waren noch die vergleichsweise großen Blöcke, die mit der unteren Isolierplatte lediglich verschraubt waren.

Auch die Unterseite, das Chassisinnere, blieb von einem Eingriff nicht verschont.

Davon mehr in der nächsten Folge!

(Wird fortgesetzt)
Penthode?
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#3
So ein Röhrenvoltmeter hat auch eine Chassisinnenansicht - hier ist sie:

   

Bemerkenswert ist der mit einem Pfeil markierte Trimmer zum Eichen. Sicher bin ich mir nicht, aber es sieht so aus, als ist er neben Glas (?) und Metall aus demselben orangefarbenen Plastik-Isoliermaterial gefertigt, wie zum Beispiel die Lötösenleisten. Eine hausinterne Eigenkonstruktion?

Aus einem inzwischen geschlachteten MV1 habe ich eine gefüllte Dose mit Ersatzteilen - hier ist nur zum Beispiel dieser Kondensator C17 zu sehen:

   

Der Pfeil zeigt auf den Schraubkern zum Abgleichen. Die Stückliste weist ihn als "Spezialtrimmer 1,5 pF 181-16/0" aus.

Auch der Glimmstabi liegt als Ersatz vor:

   

Die Unteransicht des Chassis zeigt es übrigens - auch hier musste ich bereits einige der Kondensatoren auswechseln. Ganz so mit "Gebaut für die Ewigkeit" ist es offenbar beim MV1 nicht!

- -

Der Kontrollvorgang, der jedes Mal nach dem Einschalten erfolgen soll, läuft wie folgt ab: Man schaltet beide Drehknöpfe auf "Kontrolle" und der Zeiger muss nun mit der intern zugeführten "Eichspannung" in den markierten Bereich laufen:

   

Tut er das nicht, so liegt mit Sicherheit ein Fehler vor.

Ich versprach, euch noch einen Vorgänger des MV1 zu zeigen. Voilá hier ist er. Aus dem Fundus mit der Seriennummer 3745 an der Rückwand und in der Ausführung in schwarzem Schrumpflack. Hat irgendwie den Charme eines alten Bildwerfers...  Big Grin

   

Gut zu erkennen sind die seitlichen Griffe:

   

Man beachte den Aufkleber:

   

Wenn er erzählen könnte! Im Inneren dieses MV1 werkeln noch zwei Stahlröhren EF12:

   

Gut zu erkennen sind auch die großen, originalen Blockkondensatoren des Meßbereichsumschalters.

Das MV1 wurde auch in einer modernen Ausführung mit heller, schlichter Frontplatte hergestellt.

Damit ist die Kurzvorstellung des MV1 schon beendet! Ich hoffe, es hat euch ein wenig gefallen und ich bedanke mich für's Lesen. Smile

Gruß Michael
Penthode?
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#4
Hallo Micha!

Anschaulich und ausführlich gemacht! Da steckt Fleiß und Hintergrundwissen drin.
Und darum hebe ich beide Daumen hoch.

Gruß Manfred
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#5
Hallo Michael,

Danke für die schöne Präsentation des MV1 und die hübsche Story. Meiner Meinung nach kein "Mausen", sondern aktiv praktizierter Denkmalschutz für ein technik-historisches, kaum mehr zu beschaffendes, funktionsfähiges Unikat.

Die Schaltung (äh, den Stromlaufplan) ist ganz besonders interessant. Sie zeigt einen zweistufigen Pentodenverstärker von sehr hohem Verstärkungsfaktor, der über den Messgleichrichter stark gegengekoppelt ist (d.h. durch den Zweig von der Anode der zweiten Röhre auf die Kathode der ersten.)

Die Schaltung des MV1 scheint mir äußerst gut durchdacht zu sein. Die Verstärkung des Röhrenverstärkers ist aufgrund einer starken Gegenkopplung von der (möglicherweise stark schwankenden) Leerlaufverstärkung des Röhrenverstärkers praktisch unabhängig. Sie hängt nur vom Verhältnis der Widerstände im Gegenkopplungsnetzwerk ab. Dadurch erübrigt sich im Prinzip die Notwendigkeit einer Kalibration. Das Gegenkopplungsnetzwerk besteht aus dem Brückengelichrichter mit den daran hängenden Widerständen und dem Messwerk, sowie aus dem Kathodenwiderstand der ersten Röhre und der Spannungsbereichskaskade. Sofern das Gerät tatsächlich in allen Messbereichen ein Problem mit der Proportionalität von Messignal und Anzeigewert haben sollten, würde ich meinen, dass das durch eine Korrektur des Messwerk-Shunts R20 behoben werden kann.

Übrigens, wenn ich mir den Stromlaufplan des MV20 ansehe, dann drängt sich mir der Verdacht auf, dass dieser in genau diesem Punkt falsch gezeichnet ist. Ich bin mir fast sicher, dass man hier ein ähnliches Prinzip der Gegenkopplung verwendet und dass die Auskopplung des verstärkten Messignals aus dem Röhrenverstärker im MV20 anders ist als im Plan angegeben.

Viel Spass jedenfalls mit den MV1

Hans Martin
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#6
Hallo zusammen,

ich bedanke mich!

Hans Martin, 

ich glaube, Du solltest die Geräte vorstellen - fundierter geht es nicht!   Thumbs_up Smile

Zum MV20: inzwischen habe ich mir ein zweites geordert, es müsste die Tage kommen. Das möchte ich nehmen, um die noch ausstehenden Messungen der Verstärkungsfaktore zu mache und bei der Gelegenheit kann ich mich ausgiebig der Schaltung widmen. Ich kann es mir eigentlich noch nicht vorstellen, dass der Schaltplan falsch ist, aber Studieren geht über Probieren!

Das Nacheichen der Anzeige ist machbar - klar: einfach den Shunt als Trimmpoti ausführen. So ist das ja auch beim MV20 realisiert. Was ich eben nur bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass man das beim MV1 erst gar nicht in Erwägung gezogen hat.

Gruß Michael
Penthode?
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#7
(11.02.2019, 22:41)sauerampfer schrieb: Meiner Meinung nach kein "Mausen", sondern aktiv praktizierter Denkmalschutz für ein technik-historisches, kaum mehr zu beschaffendes, funktionsfähiges Unikat.

Danke! Das geht mir runter wie Öl! Wat bin ich nun endlich beruhigt!   Thumbs_up Big Grin
Penthode?
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#8
Hallo Michael,
danke für die tollen Beschreibungen...

Viele Grüße,
Rolf
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#9
(12.02.2019, 09:54)MichaelM schrieb: ...
Hans Martin, 

ich glaube, Du solltest die Geräte vorstellen - fundierter geht es nicht!   Thumbs_up Smile

...

Hallo Michael,

Nein, nein, das musst Du schon selbst machen. Das ist wirklich besser so. Smile 

Mich interessieren beim MV1 und beim MV20 ganz speziell die zweistufigen Vorverstärker-Schaltungen. Ich befasse mich zur Zeit mit einem Projekt zur Rekonstruktion von Messverfahren zur Frequenzanalyse von Rauschspannungen, die z.B. beim Magnetisieren von Eisenlegierungen auftreten. Dazu brauche ich einen breitbandigen (d.h. 1 - 100 kHz), hochohmigen (1....10 MOhm), effizienten (> 60 dB) Messverstärker. Das ist überhaupt nicht einfach, wie ich feststellen musste. Und das, obwohl ich eine ganze Reihe von Zeitschriftenartikeln zum Thema gesammelt und gelesen habe. Liest sich alles ganz gut, aber in der Praxis muss ich vieles neu ausprobieren. Das waren damals findige Ingenieure, oh je! Nach deinen Messgeräte-Vorstellungen bin ich sicher, dass ich bei G&G was abkupfern kann.

Weiter so, kann ich nur sagen! Mir hilft das ganz hübsch weiter.

Grüße

Hans Martin
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#10
Hallo Hans Martin,

na, dass mal meine "Ollen Kamellen" so einen Bezug zur aktuellen Realität finden, hätte ich mir nicht zu träumen gewagt. Big Grin

Aber es stimmt schon: Diese Verstärkertechnik war verdammt gut durchdacht. Ich erinnere mich nämlich an einen Artikel im damaligen "Funkamateur" (?). Dort wurde ein empfindliches Röhrenvoltmeter vorgestellt, welches angeblich von wenigen Hz rauf bis 100 kHz messen konnte und angeblich sehr gut funktionierte und linear anzeigte. Die Crux war eben nur: Zwar war ein zweistufiger Röhrenverstärker drin, der aber war ziemlich herkömmlich aufgebaut...

Naja, ich habe mir das Ding nachgebaut. Also obwohl ich sicherlich nicht der Topexperte bin hinsichtlich absolut korrektem Aufbau und so; aber sicherlich auch kein Anfänger mehr - aber das Ding zeigte sowas von daneben und alles andere als frequenzlinear an. Ich frage mich bis heute, wie das der Author seinerzeit wohl geschafft hat angesichts seiner herkömmlichen Technik und angesichts dessen, wie man eigentlich bei Clamann & Grahnert vorging. Da lagen Welten zwischen, aber bei C&G funktionierte es.

Gruß Michael
Penthode?
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