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Noah Samaras Traum von einem weltweiten Satellitenrundfunk - „Worldspace“
#1
Hallo zusammen, 

an dieser Stelle möchte ich nach und nach Satellitenradios für das WorldSpace-System vorstellen. Doch zunächst, wie kam es zu WorldSpace?

“The mid-1980s, I read something that changed my life. It was an article in the Washington Post about AIDS in Africa and how it was spreading because millions of people had no information or the wrong information. It became clear to me that people weren’t simply dying of disease; they were dying of ignorance. Something had to be done. I came up with the idea of launching a satellite over Africa that would broadcast digital radio across the continent to inexpensive portable receivers. In 1990, I quit my job and devoted my body, mind and spirit to a quest that required securing international regulatory approval from 127 countries, designing a new communications system, building and launching satellites, establishing a corporation, hiring staff and raising capital to pay for it all. We needed around $1.5 billion to make it happen.”  , Noah Samara.


.jpg   noha_samara.jpg (Größe: 17,63 KB / Downloads: 234)

Bild: Noah Samara

Mit dieser Idee des äthiopischen Geschäftsmanns Noah Samara (siehe Bild), ein digitales Satellitenradionetz, welches Nachrichten und Informationen auch in die entlegensten Orte dieser Welt bringen soll, startete das ambitionierte Projekt „WorldSpace“

Die Bestellung und der Bau der Satelliten auf Basis des Eurostar E2000+ Satellitenbusses erfolgte bei Matra Marconi Space.
Am 28. Oktober 1998 war es soweit, an Bord einer Ariane L44 mit Flugnummer 113 startete „AfriStar“ vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Die Positionierung von „AfriStar“ erfolgte im geostationären Orbit auf 21 Grad Ost direkt über Afrika. Der Satellit verfügt über drei Beams mit folgenden Ausleuchtzonen:


.jpg   FPAfriStar.jpg (Größe: 56,47 KB / Downloads: 232)

Jeder dieser Beams kann theoretisch bis zu 50 Broadcaster-Channels (BC) beinhalten. Jeder Broadcaster-Channel konnte noch einmal in bis zu 8 Servicekanäle (die eigentlichen Radio- oder Datenkanäle) unterteilt werden, wobei die Anzahl der Sender in einem BC bestimmend für die Audioqualität war.  Der Downlink erfolgte im L-Band bei 1452-1492 MHz rechts- sowie  links-zirkular polarisiert, der Uplink im X-Band mittels kleiner Sendestationen war direkt beim Radiosender möglich. Die Lebenszeit des Satelliten war auf 12 Jahre terminiert.

Im Endausbau sollte das WorldSpace-System mit drei bis vier Satelliten eine fast weltweite Abdeckung mit digitalen Radiosendern und Datendiensten (Streaming ausgewählter Internetseiten zum Beispiel) ermöglichen.

Der technisch identische Schwestersatellit von „AfriStar“ und zweite Satellit des WorldSpace-Systems war „AsiaStar“. Sein Start erfolgte am 21. März 2000 an Board einer Ariane 5, die Positionierung erfolgte auf 105 Grad Ost. Das Footprint von AsiaStar war folgendes:


.jpg   FPAsiaStar.JPG (Größe: 56,8 KB / Downloads: 232)

Der dritte  Satellit des Worldspace-Systems, „CaribStar“, später in „AmeriStar“ umbenannt, sollte ab 2007 über Mittelamerika positioniert werden und folgenden Footprint haben:


.jpg   FPAmeriStar.JPG (Größe: 57,33 KB / Downloads: 232)

Leider kam es nie zum Start von „AmeriStar“, der Satellit steht nach wie vor fertig aufgebaut in den Werkshallen in Toulouse. Angeblich sollte die Frequenzbelegung des Satelliten mit militärischen Anwendungen der US-Streitkräfte interferiert haben, denkbar wäre aber auch das WorldSpace ein Dorn im Auge der Konkurrenz „Sirius XM“ und somit unerwünscht gewesen war. Ein vierter Satellit „WorldSpace 4“ war in Planung, jedoch kam es laut Internetquellen wohl nur zum Kauf der Bauteile des Satelliten, der Satellit selbst wurde jedoch nie fertiggestellt.

Die Satelliten des WorldSpace-Systems wurden von mehreren Bodenstationen aus kontrolliert. Eine Bodenstation in Silver Spring, Maryland bediente AfriStar, AsiaStar wurde von Melbourne, Australien aus geflogen. Technisch identische Kontrollzentren standen zu Backup-Zwecken in Bangalore und Port Louis auf Mauritius. Diese geografische Distanz sollte sicherstellen, dass das WorldSpace-System auch im Katastrophenfall voll einsatzfähig blieb.  

Wie sah die Nutzerseite von WorldSpace aus?

Auf der Nutzerseite sollten kleine tragbare Radios mit einer L-Band Satelliten-Antenne in Form einer Planarantenne mit einer Größe von unter 10 cm zum Einsatz kommen. Die Empfänger im WorldSpace-System besaßen alle eine eindeutige ID und waren somit direkt über Satellit adressierbar. Ähnlich wie bei AFN-Decodern konnten so Radios gezielt für bestimmte Programme und Dienste frei geschaltet oder gesperrt werden. Trotz der Möglichkeit der Empfängeradressierung waren anfangs viele Radiosender und Dienste über WorldSpace frei empfangbar, Pay-Radio mit zum Beispiel qualitativ hochwertigen Musikprogrammen oder Spezialprogramme ließen aber nicht lange auf sich warten, sie waren auch ein wichtiger Finanzierungsbestandteil im Gesamtkonzept, wie auch nachfolgende Werbung, die den Geräten in Papierform beigelegt wurde, zeigt.

(zum Vergrößern anklicken)
       

Wie in der Werbung zu sehen ist, sind diese Bezahldienste in der Regel für die „reicheren“ Zielgebiete des Satelliten ausgelegt, quasi als Gegenfinanzierung des Rundfunks- und des Streamings von Internetseiten in ärmere Regionen dieser Welt.

Es gab einige Privatnutzer auf  Motor- und Segelyachten die sich so zum Beispiel die Wetterkarten nicht mehr per Kurzwelle und optisch verrauscht, sondern störungsfrei und kristallklar vom Satelliten geholt haben.


.jpg   WXFax.jpg (Größe: 121,39 KB / Downloads: 230)

So konnte ich den Out-of-Footprint Empfang des Beam 1vom „AfriStar“ auch noch im südlichen Teil von Schweden bestätigen, allerdings gab es für den maritimen Bereich auch spezielle Antennen, die den Kontakt zum geostationären Satelliten bis zu einer gewissen Rollbewegung und Kursänderung halten konnten. Mit den „normalen“ Antennen am Radio war der Beam 1-Empfang an der Randzone in Süddeutschland kein Problem, sofern die Sicht zum Satelliten absolut frei und keine allzu große Dämpfung (dicke Regenwolken) vorhanden waren.  

Im Gegensatz zur späteren Digitalradionorm DRM waren zum Systemstart von Worldspace bereits genug Empfänger am Markt, die auch funktionierten und auch der Content in Form von Nachrichten und Musiksendern war gut.
Es gab Geräte in Taschenradioform bis zum Ghettoblaster. Typische Hersteller von WorldSpace-Radios waren JVC, Sanyo, Panasonic oder Hitachi. Der Preis dieser Geräte war in Europa durchaus angemessen, für das Zielgebiet Afrika gemessen am dortigen Einkommen jedoch für den Großteil der Bevölkerung sicher nicht zu stemmen. Auch hätte man die für den Systemunterhalt wichtigen Abodienste kaum in Afrika an den Mann bringen können, dies stellte sich bereits in Europa als schwierig heraus und so kam es, dass der eigentliche lobenswerte Traum von Noah Samara schnell ausgeträumt war.  Nach recht verlustreichen Jahren ging WorldSpace gegen 2009/10 das Geld aus und es musste die Insolvenz beantragt werden. Ein Großteil der Senderbetreiber, darunter solche Giganten wie BBC, RFI, CNN, oder das World Radio Network WRN… verließen das System nach und nach wegen einer zu geringen Hörerschaft. Auch das Ziel One-Way-Internet (also ausgewählte Internetseiten) nach Afrika zu bringen scheiterte.
Noah Samara versuchte später unter dem Firmennamen Yazmi die Satelliten dazu zu nutzen, Lerninhalten an Schulen in Afrika zu senden. Diese Kurse sollten durch spezielle Tablet PCs mit integrierten Sat-Empfänger (ähnlich GPS welches auch das L-Band benutzt) empfangen werden. Leider war auch dieser Versuch nicht vom Glück verfolgt, so dass bereits kurze Zeit nach dem Start auch für Yazmi das Ende gekommen ist.

Anfang Januar 2018 wurde der bereits leicht defekte AfriStar dann, lange nach seiner anvisierten Lebenszeit von 12 Jahren, in den Friedhofsorbit geflogen um die Position 21 Grad Ost freizumachen und keine Gefahr für andere Satelliten darzustellen. Wer mag, der kann mit einem SDR ja mal auf Baken-Jagd gehen und versuchen den Satelliten aufuzspüren.

„AsiaStar“ wurde um 2014/15 an New York Broadband LLC verkauft und dient seither als Platzhalter für den Satelliten Silkwave-1 selbiger Firma, der per L-Band mobile Datendienste für den asiatischen Markt bereitstellen soll. Silkwave-1 teilt bis heute das gleiche Schicksal wie „AmeriStar“ und steht unbenutzt in den Werkshallen des Herstellers herum.

Während Noah seinen Traum nicht verwirklichen konnte, haben es andere Firmen geschafft zumindest regional reine „Radio“-Satelliten erfolgreich einzusetzen …  mehr dazu in einem anderen Beitrag. Im nächsten Teil werde ich einzelne WorldSpace-Radios vorstellen.
Ansprechpartner für Umbau oder Modernisierung von Röhrenradios mittels SDR,DAB+,Internetradio,Firmwareentwicklung. 
Unser Open-Source Softwarebaukasten für Internetradios gibt es auf der Github-Seite! Projekt: BM45/iRadio (Google "github BM45/iRadio")
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#2
Kommen wir zum ersten WorldSpace-Radio in der Reihe. Wir haben hier im Magazin noch ein paar dieser Geräte in der Originalverpackung rumliegen. Semir, dein Exemplar ist schon im Flugzeug verstaut damit ich es nicht vergesse.

Hitachi WS 1

technische Daten:


.jpg   Daten.jpg (Größe: 94,67 KB / Downloads: 73)

Der "Strip/Mach Dich nackig-Teil", neudeutsch Unboxing:


.jpg   Box0.jpg (Größe: 75,1 KB / Downloads: 72)


.jpg   Box1.jpg (Größe: 68,38 KB / Downloads: 72)


.jpg   Box2.jpg (Größe: 64,91 KB / Downloads: 72)


.jpg   RxFront.jpg (Größe: 60,81 KB / Downloads: 71)

Rückseite mit L-Band Antenne für den Satelliten,

.jpg   RXRueck.jpg (Größe: 54,03 KB / Downloads: 71)

die auch abgenommen und mit Verlängerungskabel (F-Stecker/Buchse + Sat-Coax) betrieben werden kann. Eine recht grobe Ausrichtung auf den Satelliten war ausreichend um störungsfrei Radio zu hören.


.jpg   Antenne.jpg (Größe: 54,79 KB / Downloads: 71)

Der WS1 von Hitachi ist kein reiner WorldSpace-Empfänger (die gab es auch), er hat wie oben schon zu sehen ist auch UKW (sogar recht gut und empfindlich) und MW und ist auch ein KW-Weltempfänger (wenn auch kein besonders guter, für KW-Rund- und Buschfunk aber im Allgemeinen ausreichend, kein DX-Empfänger auf der KW).


.jpg   RxFM.jpg (Größe: 69,64 KB / Downloads: 69)
.jpg   RxMW.jpg (Größe: 71,27 KB / Downloads: 69)
.jpg   RxSW1.jpg (Größe: 70,8 KB / Downloads: 69)
.jpg   RxSW2.jpg (Größe: 70,63 KB / Downloads: 69)

Schauen wir zunächst aufs Blockschaltbild des Empfängers:

       

und die L-Band Antenne:

   

Die Schaltpläne musste ich wegen ihrer Größe auslagern:

https://mega.nz/file/jWBAFQ7Q#8rIACZ39NY...LIsmrLfSTo

https://mega.nz/file/6CBQgaAB#wyDmxYOQz_...FN0Q_MRRfU

Zerlegt habe ich das "Platinensandwich" nicht, die Explosionszeichnung zeigt es sowieso besser:

   

Technisch kein schlecht gemachtes Radio. Bei der Kurzwelle hätte man sicher noch etwas mehr rausholen können, aber die war im Gesamtkonzept sowieso nur als Nebensache gedacht, wer WorldSpace empfing, brauchte die KW eigentlich gar nicht, da die Auslandsdienste ja in sämtlichen Sprachen auch im WRN (World Radio Network - https://en.wikipedia.org/wiki/WRN_Broadcast) drin waren und den gab es ja per WorldSpace in sehr guter Qualität zu hören. Den WRN (auch über WorldSpace) gab es ja länger als manche Kurzwellenausstrahlung der Auslandsdienste. 

Über den Datenanschluß des Gerätes konnte dann mit spezieller Software Einbahn-Internet abgewickelt werden.

Gruß
Bernhard
Ansprechpartner für Umbau oder Modernisierung von Röhrenradios mittels SDR,DAB+,Internetradio,Firmwareentwicklung. 
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#3
Hallo Bernhard,

danke für die Vorstellung des Gerätes. Die Pläne habe ich natürlich gleich herunter geladen. Smile 

Ja es ist schade, dass dieses Projekt nicht erfolgreich war. So eine Lösung könnte ich mir auch für das Auto vorstellen um in ganz Europa gewisse Sender empfangen zu können. Im Englischen "Television" Magazin war in den 90er Jahren ein Bericht in dem der Autor beschreibt wie er in Südspanien die Antenne im Fenster seines KFZ platziert hat und den Ton von CNN während der Fahrt per Worldspace hören konnte. Das war damals sicher eine sehr coole Sache.

Ich habe heute mal im Büro versucht den Kontakt von dem Kollegen heraus zu finden der als letzter mit diesem Thema bei uns beschäftigt war. Leider ist der Mann mittlerweile in einem anderen Unternehmen und nicht leicht aufzufinden. Nach unserem Umzug in 2013 wurden leider viele Dokumente und auch Hardware entsorgt und darunter auch vermutlich die zu unseren Worldspace Empfängern. Eine L-Band Außenantenne die vermutlich deutlich mehr Gain hat als die Planarantennen konnte ich noch vor der Verschrottung retten...Sonst kann ich leider im Moment nichts hier beitragen...
Viele Grüße
Semir
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"Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer der wußte das nicht, und hat es gemacht."
(Prof. Hilbert Meyer, Uni Oldenburg)
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