Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
V. I. P. - Marcel Reich-Ranicki - Literaturkritiker mit bewegter Vergangenheit
#1
Marcel Reich-Ranicki -  Literaturkritiker mit bewegter Vergangenheit



Die einen huldigten Marcel Reich-Ranicki als den größten Literaturkritiker des Landes und nannten ihn sogar den Literaturpabst.
Die anderen verurteilten seine emotionalen und rigorosen Urteile, die oft weniger das Werk, als den Autor betrafen. Günter Grass
sagte von ihm, er habe die Trivialisierung der Kritik herbeigeführt, er sei ein schwacher Literaturkritiker.


.jpg   B175.jpg (Größe: 22,18 KB / Downloads: 382)
Marcel Reich-Ranicki (1920 - 2013)


Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 als Marceli Reich in Wloclawek, Polen geboren. Sein Vater David Reich besaß eine
kleine Fabrik für Baumaterialien, war aber ein schlechter Kaufmann. Seine Mutter Helene Reich war Deutsche und die Tochter eines
Rabbiners in Berlin-Wilmersdorf.

Nachdem sein Vater 1928 mit seiner Fabrik Insolvenz anmelden mußte, schickte man Marceli zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin,
wo er 1938 am dortigen Fichte-Gymnasium Abitur machen konnte. Da er von Schulausflügen und nationalsozialistischen Schulveran-
staltungen ausgeschlossen war, beschäftigte er sich stattdessen mit klassischer Literatur, Theater und Konzerten. Seine Immatrikulation
an der Friedrich-Wilhelm-Universität wurde wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt.

Ende 1938 wurde er mit 17.000 polnischen und staatenlosen Juden nach Polen ausgewiesen.

1940 wurde Reich-Ranicki zur "Umsiedlung" ins Warschauer Ghetto gezwungen, wo er beim Judenrat als Übersetzer arbeitete. Zudem
schrieb er in der Ghettozeitung "Gazeta Zydowska" (deutsch: Jüdische Zeitung) Konzertrezensionen.


.jpg   B178.jpg (Größe: 58,23 KB / Downloads: 369)
Sperrmauer Warschauer Ghetto


Am 22. Juni 1942 ordnete der SS-Sturmbannführer Hermann Höfle beim Judenrat die "Umsiedlung" des "Jüdischen Wohnbezirks"
(Ghetto) für den gleichen Tag an. Reich-Ranicki mußte die Niederschrift der Bekanntgabe verfassen. Es war vorgesehen - wie sich
später herausstellte - die Ghettobewohner ins Vernichtungslager Treblinka zu bringen. Beschäftigte des Judenrats und deren Ehe-
frauen waren vorerst ausgenommen. Reich-Ranicki heiratete noch am gleichen Tag seine Lebensgefährtin Theofila Langnas.


.jpg   B176.jpg (Größe: 45,26 KB / Downloads: 369)
Beginn der Räumung des Ghettos


Der Deportation entkam das Ehepaar Reich auf dem Weg zum Versammlungsplatz und mit Hilfe der jüdischen Kampforganisation ZOB
konnten sie bei der Familie des Schriftsetzers Bolek Gawin bis zur Befreiung Polens untertauchen.

Die Eltern von Reich-Ranicki wurde in den Gaskammern von Treblinka ermordet, sein Bruder Alexander in einem Arbeitsager er-
schossen. Lediglich seine Schwester Gerda Böhm konnte 1939 mit ihrem Mann nach London fliehen und wurde dort 99 Jahre alt.

Ende 1944 arbeitete Marcel Reich-Ranicki bei der polnischen Geheimpolizei und wurde dort Hauptmann im polnischen Auslandsnach-
richtendienst MBP. Da er seinen Namen "Reich" für zu deutsch empfand, nahm er den Namen "Ranicki" an, woraus später der Name
Reich-Ranicki wurde.

1948 ernannte man ihn zum Vize Konsul. An der polnischen Botschaft in London wurde er als Agentenführer eingesetzt und war für
die Angelegenheiten der Exilpolen zuständig. Da er sich Eigenmächtigkeiten anmaßte, wurde er nach Polen zurück gerufen und aus
dem Geheimdienst entlassen. Zudem mußte er einige Wochen im Gefängnis absitzen.

Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, begann er als Lektor für deutsche Literatur bei einem Warschauer Verlag. 1951
fing er an, sich als Schriftsteller zu betätigen, erhielt aber 1953 für ein Jahr Publikationsverbot. Ab 1955 war er Mitarbeiter des
polnischen Rundfunks und publizierte zudem in Zeitungen.

Später wurde Reich-Ranicki nach Recherchen von Journalisten beschuldigt, regimekritische Exilpolen unter Vorwänden nach Polen
zurück gelockt zu haben, wo einige der Emigranten dort zum Tode verurteilt wurden. Er bestritt diese Vorwürfe vehement.

Nachdem ihm die Schweiz weder eine Arbeitserlaubnis, noch eine Niederlassungsbewilligung gab, blieb er 1958 in Frankfurt/M.
Dort arbeitete er als Literaturkritiker im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Der dortige Leiter erwirkte jedoch
bald sein Ausscheiden aus der Redaktion. Daraufhin zog er mit seiner Frau nach Hamburg, wo er wiederum als Literaturkritiker
von 1960 bis 1973 bei der Wochenzeitung "Die Zeit" wirkte.

Von 1973 bis 1988 wurde er durch die Bekanntschaft mit dem Mitherausgeber der FAZ, Joachim Fest wieder zuständig für das
Feuilleton der FAZ und konnte dort vollkommen frei aggieren.

Unbestritten hatte er dort große Erfolge mit seiner Arbeit und wurde über die Grenzen hinaus bekannt und anerkannt. Seinen größten
Bekanntheitsgrad erreichte er jedoch durch die Leitung der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett", das von 1988 bis 2001 gesendet
wurde.


Das Literarische Quartett diskutiert Bücher von Günter Grass
Die gesamte Sendung, 76 Minuten


In dieser Sendung wurden durch lebhafte und teilweise kontroverse Diskussionen literarische Werke und ihre Autoren besprochen.
Nun kannten ihn, den "Literaturpabst"  98% der deutschen Bevölkerung.



Reich-Ranicki lehnt den Deutschen Fernsehpreis 2008 ab
Neun Minuten Unterhaltung mit vielen bekannten Gesichtern


Zu Beginn seiner Autobiographie schrieb Marcel Reich-Ranicki, er habe keine Heimat und kein Vaterland. Seine Heimat sei zuletzt
die Literatur gewesen und Gott sei eine literarische Erfindung...


Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren. Er und seine Frau sind auf dem Frankfurter
Hauptfriedhof begraben.



Wilhelm


Hier verwendete Bilder entstammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, Wikipedia. Danke für die Bereitstellung.
Niemandes Herr, Niemandes Knecht,
so ist es gut, so ist es recht

von Fallersleben
Zitieren
#2
Was würde wohl Marcel Reich-Ranicki zu den jetzigen Zuständen sagen.
Was würde wohl Marcel Reich-Ranicki nach dem anschauen dieses Forums sagen wo ein Vorstandsmitglied eindeutig für eine Kriegspartei Stellung bezieht.
Leid gibt es auf jeder Seite Hass und Diskriminierung hatten wir doch schon mal.
Eine Lüge wird nicht zur Wahrheit, falsches wird nicht richtig und das Böse wird nicht gut, nur weil es von der Mehrheit akzeptiert wird.

Zitieren
#3
Eine alternative Realität, wird nicht wahr, nicht richtig und auch nicht gut, nur weil eine Minderheit davon überzeugt ist.
Zitieren
#4
Hallo Richard,

ich kenne dich nicht aber du solltest dir eine Kommentierung in dieser Art sparen.
Grüße

Andy

Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.

Zitat von Sir Isaac Newton
Zitieren
#5
Hallo,

ich schätze die bisher sehr gehaltvollen Threads über Fernsehen und

auch über den Rundfunk, besonders in Deutschland, außerordentlich.
Nicht zuletzt die viele Mühen und Recherchen die darin stecken.

Nur erschließt es mir wenig, warum dieser wohl sehr gebildete Literaturkritiker und Querdenker hier eine Plattform erhält.
Vor allen wer soll damit hinter dem Ofen vor gelockt werden.
Gruß aus dem Kreis Siegburg vom Hans-Jürgen
"Was Hänschen nicht lernt lernt Hans nimmer mehr"

Zitieren
#6
Hallo Jürgen,
der Thread V. I. P. hat den Zweck, an verschiedene Persönlichkeiten aus vergangenen
Fernseh- und Rundfunkzeiten zu erinnern. Das "Literarische Kabinett" gehört dazu und
die nicht von Jedem gemochte Person Marcel Reich-Ranicki selbstverständlich auch.

Es werden, soweit mir die Zeit vergönnt ist, an noch viele Persönlichkeiten aus vergangenen
Zeiten hier erinnert. Nicht Jeder wird Jedem zusagen, aber so ist nun mal die Individualität.

Also bitte um Nachsicht, wenn die "wieder vor geholten" Personen nicht immer dem persönlichen
Geschmack entsprechen. Vielleicht passt es beim Nächsten wieder...

Im Übrigen, eine Plattform wird in dieser Serie niemand geboten. Only Memory

Gruß
Wilhelm
Niemandes Herr, Niemandes Knecht,
so ist es gut, so ist es recht

von Fallersleben
Zitieren
#7
Zitat:Reich-Ranicki lehnt den Deutschen Fernsehpreis 2008 ab
Neun Minuten Unterhaltung mit vielen bekannten Gesichtern

In der Tat! Und so jung waren sie noch alle, damals (wie wir auch ...)
Marcel R. R. hat es immer wieder geschafft, im selben Atemzug Leute zu verärgern, zum Lachen zu bringen und Ehrfurcht ob seiner Kenntnisse und Betrachtungsweisen auszulösen. Er war sicherlich kein einfacher Mensch und das wollte er wohl auch nicht sein. Lieber war er unbequem und bisweilen kauzig und es war sein Weg für eine bessere Welt zu arbeiten.

Er hat auf jeden Fall einen Platz in dieser Rubrik verdient, er ist aus dem deutschen Fernsehen nicht wegzudenken. Ich mochte ihn, gerade weil er gerade heraus war und kein Blatt vor den Mund genommen hat.

Aber auch in diesem Thread sieht man die Löwen brüllen, nur auf eine andere Weise als es Marcel je getan hätte. Er kannte nämlich die Geschichte nur zu gut, bzw. aus ganz furchbarem Erleben heraus und er hätte sich bestimmt gefreut, wenn mehr Menschen in seiner Jugend "Farbe" bekannt hätten.
Zitieren
#8
Zitat:Aber auch in diesem Thread sieht man die Löwen brüllen, nur auf eine andere Weise als es Marcel je getan hätte. Er kannte nämlich die Geschichte nur zu gut, bzw. aus ganz furchbarem Erleben heraus und er hätte sich bestimmt gefreut, wenn mehr Menschen in seiner Jugend "Farbe" bekannt hätten.


... dazu eine Bemerkung: Ich würde mich mal mit aktuellen Aussagen von Hendrik M.Broder auseinandersetzen. Der wird sehr stark dafür angefeindet. Es ist aber recht wahrscheinlich, daß Herr Reich die aktuelle Situation ähnlich einschätzen würde... allerdings könnte es auch anders sein, das kann niemand wissen, außer vielleicht Leute, die ihn gut kannten...

...und mMn. bekennen eben heute sehr viele Leute Farbe, weil sie Parallelen erkennen ! Und sie tun es TROTZ ständiger Angriffe und Diffamierungen. Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich aber ! Und deshalb ist genau das so wichtig, rechtzeitig den Mund aufmachen, wenn die Flamme noch klein ist, diese möglichst zeitnah austreten ! Wenn es erst ein Großbrand ist, ist das Löschen deutlich schwieriger...

Ich habe Herrn Reich auch stets gern zugehört, seine Direktheit und Polemik hat mich manchmal geradezu begeistert... die Zurückweisung des einen komischen Preises hab ich aber als überzogen gewertet, allerdings war...ist der aber wirklich nichts aber auch garnichts wert, insofern... ich meine eher die show, die der da abgezogen hatte.

Ich finde gut, daß auch der Punkt "polnischer Geheimdienst" genannt wird, daß er das dementiert, ist wohl klar, aber das war wahrscheinlich die dunkle Seite des Herrn Reich, da wird man wenig unabhängige Quellen zu finden...

Gruß Ingo
Zitieren
#9
Reich-Ranicki ist eine Person der FS Geschichte und gehört in die Beitragsserie. Eigentlich wäre jetzt Werner Höfer an der Reihe. Auch er FS Urgestein mit " Geschichte vor 45 " Wilhelm, ich finde Deine Chroniken wirklich gut und lese sie gerne.
Gruß Franz
Zitieren
#10
Danke Franz, dein guter Vorschlag ist bei mir angekommen.

Gruß
Wilhelm
Niemandes Herr, Niemandes Knecht,
so ist es gut, so ist es recht

von Fallersleben
Zitieren
#11
@Wilhelm,

so gesehen muss ich meine Meinung über den R. Ranicki revidieren.

Nur beim Werner Höfer habe ich so meine Probleme
Gruß aus dem Kreis Siegburg vom Hans-Jürgen
"Was Hänschen nicht lernt lernt Hans nimmer mehr"

Zitieren
#12
. . . um zum Ausgangs-Thema zurück-zu-kehren - ich hab noch immer M.R.R. Schluss-Satz im Ohr aus dem Literarischen Quartett:

" . . . und also sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen."
(Bertold Brecht - Der gute Mensch von Sezuan - Epilog) -
etwas abweichend vom Original:
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Bertolt Brecht

Diese Sendung trachtete ich keinesfalls zu versäumen - in dieser Zeit - bewirkt hat sie immerhin,
dass ich vermehrt Zugang zur Literatur fand - da denke ich nur mal an Xavier Marias - und etliche weitere . . .

Seine doch als autoritär zu nennende Art von Selbstdarstellung (jedoch) war und ist nun nicht Jedermanns Geschmack (gewesen) - dennoch: Der Ihm zugeschriebene Titel "Literaturpapst" war und ist für mein Empfinden voll berechtigt. Solch profundes Wissen über Literatur ist mir seitdem nicht noch einmal begegnet. So einige wären liebend gerne von Ihm "verrissen" worden - um im Fachjargon zu bleiben - nicht Jeder und Jedem war es vergönnt. Ich erinnere Ihn noch immer sehr gerne - wie auch Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek und weitere danach plus jeweils eine Gästin (furchtbar diese Genderei) oder Gast - damit sich ein Quartett zusammenaddiert.
Zitieren
#13
Hallo Hans Jürgen,
in Wilhelm´s Serie geht es doch nicht um sympatische oder unsymp. Protagonisten des Fernsehens, sondern um solche welche in ihrer Zeit bedeutsam waren. Nur z. B. die unvergessenen Fernduelle zwischen Gerd Löwenthal und Eduard v. Schnitzler ( Sudel Ede ) Das waren unzweifelhaft herausragende FS Ereignisse. ( beide Herren waren mir pers. unangenehm ) aber die Duelle mußte ich verfolgen. Auch Höfer´s Balzgehabe mit Madame Rouselle unvergessen....
Gruß Franz
Zitieren


Gehe zu: