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Radioempfang in den zwanziger Jahren
#1
Liebe Kollegen,

da ich mich gerade mit der Restauration eines antiken 3-Röhren Eigenbauradios beschäftige, habe ich mal wieder in meine alten Bücher geschaut um zu sehen, wie man früher das Antennenproblem löste.
Das Buch mit den schönsten Bildern ist eindeutig das folgende: "ABC de la T.S.F.", erschienen in den späten zwanzigern bei  Etienne Chiron, 40, Rue de Seine, Paris. T.S.F. bedeutet "Telegraphie sans Fil" also "Telegrafie ohne Draht". 
Hier zu Eurer Unterhaltung die Bilder, die mich besonders amüsierten: 

   
Fig. 36. - Oben, Eindrahtantenne, an einem Baum beginnend und durch das Zentrum eines Fensterkreuzes direkt an die Eingangsbuchse des Empfängers führend. Solch eine Antenne ist besonders leicht zu installieren.
Unten eine Eindrahtantenne in Form eines umgekehrten L.


Bei den folgenden Antennen geht es schon zur Sache.
   
Fig. 37. - Flächenantenne in umgekehrter L-Form. Das ist der Antennentyp, der normalerweise an Bord von Schiffen verwendet wird.
Fig. 38. - Prismatische Antenne. Dieser Antennentyp empfiehlt sich in Städten, wo der Amateur über wenig Platz verfügt.

Anm. des Redakteurs: Der Antennentyp im Bild 38 heißt Reusenantenne.

Jetzt kommen die Antennen, die die Herzen von Hauseigentümern/Vermietern höher schlagen lassen: 
   
Fig. 41. - Dreidrahtantenne an einem Wohnhaus mit einem Wandabstand von 1,5 m.

Dieser Anblick wird die Hausfrau begeistern: 
   
Fig. 43. - 2 Typen von Innenantennen.

Aber es kommt noch besser, nämlich bei den "Erden":
   
Fig. 43. - Erdanschluss bestehend aus Kupferdrähten, die unterhalb der Antenne in Form eines "Gänsefußes" in die Erde eingegraben werden.

Falls die Hausherrin, nachdem ihr radiophiler Gatte die Rosenbeete umgepflügt hat, noch nicht den Entschluss gefasst hat, einen Scheidungsanwalt zu konsultieren, so dann vielleicht nach seiner ultimativen Idee zum Thema Radio-Erde:
   
Fig. 44. - Erdanschluss bestehend aus einem unter der Antenne eingegrabenen metallischen Gitter.
Im Text steht, dass ein Gitter mit den Maßen 4 m x 2 m einen halben Meter tief in feuchtem Boden vergraben schon eine ganz exzellente Erde abgibt.

Tja, da mussten die Bettroste eben dran glauben. 
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#2
Hier noch ein Beispiel von Telefunken aus "Nesper: Der Radio-Amateur, 4.A., Springer, 1924"

   

Damals hatte man offensichtlich auch keine Angst vor Stromschlägen, wie ein Bild aus "Kappelmayer: Mit meinem Radio auf Du und Du" beweist. Man beachte den "interessanten" Anschluss der Lampe im Garten!

   

Dietmar
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#3
Danke, Dietmar, für die schönen Bilder.

Bei dem kuscheligen Picknick im Grünen hat der Künstler geflissentlich die Batteriekisten weggelassen. Da hatte der Herr so einiges zu schleppen.
Bei dem zweiten Bild stellen sich einem wirklich die Nackenhaare hoch! Aber es waren halt Aufbruchzeiten. Da nahm man einiges in Kauf. 

Ich hätte hier noch ein Bild von der Titelseite der bekannten französischen illustrierten Zeitung "L' Illustration", und zwar von der Sonderausgabe "La TSF" vom 3. März 1923.  Der abgebildete Herr ist offenbar ein Sender-Operator, der gerade mit der Morsetaste über die Pariser Sendestation Eiffelturm eine Nachricht aussendet.
   

Hat noch jemand schöne Bilder aus der Frühzeit des Radios?
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#4
Eigentlich habe ich noch andere Bilder gesucht, aber bisher noch nicht gefunden.
Aber, wie seine Lordschaft sein Boot ausgerüstet hat, ist ja auch ganz amüsant.
   

Ich werde weiter suchen.
Dietmar
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#5
Noch ein schönes Bild aus "L'Illustration" vom 3. März 1923 mit einer schnell aufzubauenden Whip-Antenne.
   

Der ratlose Fahrer - Die Rettung erfolgt mit Hilfe der drahtlosen Telegraphie (TSF)  nach den Anweisungen des Mechanikers in der Stadt

Der Begleittext:
Jeder weiß, dass in den Händen eines erfahrenen Fahrers das moderne Automobil keine Pannen mehr hat. Allenfalls erinnert ihn dann und wann ein Reifen daran, dass alles Glück hienieden zerbrechlich ist. Der Anfänger hingegen provoziert die Pannen selbst, sei es durch Ungeschicklichkeit oder durch Nachlässigkeit.
Und hier eine Szene in der Zukunft:
Weit entfernt vom Ausgangspunkt seiner Reise bleibt sein Wagen auf einer verlassenen Straße stehen. Was tun, fragt sich der junge Reisende. Seine kleine Schwägerin lächelt schadenfroh. Aber seine Frau verliert wegen einer solchen Kleinigkeit nicht gleich den Kopf. Schnell ein Anruf beim nächsten Automechaniker - in 28 km Entfernung. "Hallo, ich schreibe mit .. habe  ich sie richtig verstanden? Sie sagten, dass ich zunächst den Splint von der Kontermutter entfernen muss, die den Bolzen der Gaspedalschelle sichert?.... DANKE!"

In einigen Wochen wird ihm der Funkapparat, den er in seinem Wagen mitführt, natürlich nicht mehr dazu dienen, ihn aus misslichen Situationen zu retten, da unser Freund mittlerweile erfahren ist und nicht mehr von Pannen heimgesucht wird. Nein! Nun wird ihm der Apparat dazu dienen, seinen Kameraden beim fröhlichen Beisammensein im Grünen dem Monolog eines Vortragskünstlers oder einem Oboen- und Violinenkonzert zu lauschen, das man ihm über eine große Antenne zuschickt - von weit her - aus 300 km Entfernung.


Was ist hier neben der tollen Whip-Antenne und dem schicken Hut der feixenden Schwägerin besonders? Während der Herr mit seiner Rohrzange blöd in der Gegend herumsteht, ergreift seine Frau die Initiative. Frauen-Power!
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#6
In "Hill, J.: The Cat's Whisker, Oresko, 1978" findet man die folgenden Bilder.
   
   
   
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#7

.jpg   friho_detektor.jpg (Größe: 39,26 KB / Downloads: 452)
Gruß,
Ivan
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#8
   
Gruß,
Ivan
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#9
Jonathan Hill hat 1996 "Radio! Radio!" bei Masland Printers herausgegeben.
   

Radio-Empfang im "trauten Heim":
   

Detektor-Empfang kann ganz schön frustrierend sein!
   

Aber auch mit einem Röhren-Empfänger ging es nicht ohne Frust ab.

.jpg   Just_a_Minute.jpg (Größe: 39,4 KB / Downloads: 404)

Radio hören war also (manchmal) eine spannende Angelegenheit.
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#10
Sachgemäße Rundfunkanlage auf dem Lande:
   

Die Störer auf dem Lande (und z. T. auch in der Stadt) waren ganz anderer Natur.
   

Beide Bilder findet man in "Hermann, Kahle, Kniestedt: Der Deutsche Rundfunk, Decker, 1994" und in "Breitkopf, K.: Rundfunk, Faszination Hörfunk, Hüthig, 2007"
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#11
Zum zweiten Bild oben:
Der Motor treibt eine Pumpe, eine Zentrifuge und eine Dreschmaschine an. Links oberhalb des Motors ist der Motor-Schalter. Der Motor selbst soll wohl ein Drehstrom-Motor sein, vermutlich aber mit Schleifringen, damit man ihn ohne großen Stromstoß starten kann. Daher auch die mögliche Störwirkung des Motors.

Die Steckdosen sind ebenfalls als Störer dargestellt. Stimmt natürlich, wenn man bedenkt, dass Verbindungen zwischen den Leitungen und den Kontakten der Steckdosen oftmals etwas mangelhaft waren, wodurch sich bei Stomentnahme dann Fünkchen bilden konnten.

Die Beschriftungen sind leider so kontrastarm, dass sie im Scan kaum noch zu erkennen sind.

Aber gegen Rundfunk-Störer wurde der "Entsörungsdienst" aktiv.
   
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#12
Noch ein Bild zum Thema "Radioempfang im trauten Heim":
   

Die Stunde des Heimkonzerts – Die unterbrochene Stickerei
Begleittext:
"Einst waren sie lang für die Träumerin, die Abende der Arbeit. Während ihre Nadel sorgsam den kleinen verwundenen Pfaden ihrer Stickerei folgte, kämpften ihre Gedanken so manches Mal gegen die Gitterstäbe des Gefängnisses ihres täglichen Lebens an. Außerhalb dieser Mauern wartete vielleicht das brennende Leben, Geschäftigkeit, Poesie, ein Traum, eine Einladung zu einer Reise…. Aber die Stunden vergingen, monoton, enttäuschend, unnütz… Und die Stickerin fühlte wie ihre Seele schwer wurde vor Traurigkeit oder vor Verlangen.

Heute hat ein Wunder der Wissenschaft die Mauern ihres Gefängnisses zum Einsturz gebracht.  Ohne ihr Heim zu verlassen, ohne ihre spielende kleine Schwester aus den Augen zu lassen, findet sich das junge Mädchen in einer Aura von Schönheit und Zärtlichkeit wieder, die unsichtbar durch den Äther fließt. Der Traum kommt zu ihr. Die Wellen,  großartig geschmückt mit Idealen und Spiritualität liebkosen ihre Ohren und ihr Herz. Die Meisterwerke menschlichen Geistes umschweben und  verzaubern sie. Wellen der Harmonie überfluten ihr bescheidenes Zimmer bis in die hinterste Ecke. Ergreifende Stimmen, die bewegende Klage der Violinen, das süße Seufzen der Flöte,  der kristallene Perlenregen der Harfe haben, aus einer fernen Stadt kommend, die Berge und Täler überwunden, um ihre Phantasie mit göttlichen Phantomen zu bevölkern. Sie ist nicht mehr allein. Sie hat Freunde nach ihrer Wahl. Mozart, Schumann, Chopin und Gabriel Fauré statten ihr einen Besuch ab und raunen ihr kostbare Botschaften zu.

Man erahnt es, wenn man ihren bewegten und verzauberten Blick betrachtet, dass sie heute, um ihnen besser lauschen zu können, nicht mehr weitersticken wird…."


Ja ja, das kam 1923 voll an bei den französischen Radiohörern!

Das Programm der Funkstunde fand an diesem Tag anscheinend nicht bei allen Hörern Gefallen.
   
Grüsse aus Karlsruhe,
Harald
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#13
In den vom Mitteldeutschen Rundfunk herausgegebenen "Radio-Geschichten, verfasst von Hagen Pfau, Kamprad, 2000" finden sich viele schöne Fotos zum Thema "Radio hören", u. a. diese hier:
   

Das Kind mit den Kopfhörern war ein beliebtes Motiv.
   

Aber auch die elegante Dame scheute sich nicht davor, den Kopfhörer aufzusetzen. Na ja, eleganter ist es vielleicht, nur eine Hörmuschel ans Ohr zu halten.
   

Und unter dem Weihnachtsbaum war die ganze Familie "kopfhörend" vereint.

.jpg   Radio_unterm_Weihnachtsbaum.jpg (Größe: 25,1 KB / Downloads: 146)
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